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In Krisenzeiten gelten andere Regeln

15. März 2022

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Der Krieg in der Ukraine prägt Medien und Schlagzeilen. Für Konsumierende wie Schaffende ein Ausnahmezustand. Wie gehen User mit den negativen Nachrichten auf Dauer um? Was müssen Redaktionen beachten? Wie kann eine angemessene Kriegsberichterstattung aussehen? Studien, Projekte oder Tools geben einige Antworten.

 

Sowohl Skandale als auch Themen haben immer eine Verfallszeit. Das kann man beispielsweise sehr schön an den 'Brennpunkten' oder Sondersendungen nach den Nachrichten sehen: Erst ist es eine halbe Stunde, dann eine Viertelstunde, irgendwann fällt das Thema dann ganz hinten runter.

Medienethiker Christian Schicha

 

Im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung“ bringt es der Medienethiker Christian Schicha auf den Punkt. Er geht davon aus, dass sich das Fernsehpublikum auch an die Ukraine-Krise "ein Stück weit gewöhnen" wird.

Vielleicht aus gutem Grund: Für Menschen kann es wichtig und richtig sein, sich von den Bildern aus dem Ukraine-Krieg zu distanzieren. Die "Frankfurter Rundschau" zitiert eine Umfrage der US-amerikanischen Radiostation NPR in Zusammenarbeit mit der Robert Wood Johnson Stiftung und der Harvard School of Public Health. Das Werk legt nahe, dass starke Nachrichten-User häufig unter "sehr viel" Stress stehen. Erst recht jene Menschen, die viel Zeit mit Social Media und im Internet verbringen, wo sie negativen Nachrichten oder verstörenden Bildern ungefiltert begegnen und Kommentare fatalistische Prognosen stellen.

"Menschen, die sich täglich sechs oder mehr Stunden den Medien aussetzten, berichteten tatsächlich über mehr akute Stresssymptome als Menschen, die den Anschlägen direkt ausgesetzt waren – das heißt, sie befanden sich am Ort des Geschehens", sagt Alison Holman, Professorin an der University of California, gegenüber NPR. Besser sei es, solche Bilder, Videos und Berichte in kleinen Dosen zu konsumieren.

 

News-Abstinenz – mit schlechtem Gewissen?

Hier beruhigt die US-Wissenschaftlerin. Zusätzlich zu dem psychischen Selbstschutz werde durch das Dosieren des Medienkonsums die Fähigkeit erhalten oder gar erhöht, anderen gegenüber mitfühlend zu sein.

Das aktive Einstehen für die eigene mentale Gesundheit führt Holman zufolge zu mehr Verständnis gegenüber den Sorgen anderer. Die Bindungen zu anderen Menschen seien dann wiederum ein essenzieller Faktor für das Wohlergehen der eigenen Psyche. Es entsteht ein positiver Kreislauf. Gegenüber dem US-Branchendienst Mashable warnt sie gar vor einem Zuviel an News über den Krieg.

 

Was der Journalismus tun kann

Für die Menschen schwer zu verdauen, für den Journalismus eine Herausforderung: Konflikte und Kriege sind immer auch der Kampf um Bilder und mit Informationen. Besonders deutlich wird in diesem Krieg auf europäischem Boden, wie Desinformationskampagnen und Propaganda eingesetzt werden, wie die Ukraine auch verbal in klassischen und sozialen Medien einem massiven Angriff Russlands ausgesetzt ist. Der Podcast der Medientage München zeigt in Folge 65 auf, was es bei der Berichterstattung zu beachten gilt und wie die Situation von Journalist:innen ist, die in oder aus der Ukraine berichten.

In Krisenzeiten dürfen Redaktionen ihr Publikum nicht allein lassen. Gerade jetzt ist es wichtig, sich die Regeln für eine angemessene Kriegsberichterstattung nochmals vor Augen zu führen. Der Deutsche Journalistenverband DJV etwa fordert mit Blick auf die Erfahrungen mit dem Irak-Krieg und einer spürbar US-freundlichen Berichterstattung durch "embedded journalism" für das Berichten über den Ukraine-Konflikt einen Pressekodex.

Um Transparenz für die journalistische Arbeit gerade in unübersichtlichen Nachrichtenlagen zu schaffen, ist ein Tool entwickelt worden, mit dem Reporter ohne Grenzen seriöse Anbieter im Netz sichtbarer machen will. Vorgestellt wird es in der Medientage-Podcast-Folge 67.  Die Institution engagiert sich daneben auch direkt mit einer besonderen Form der Finanzierung von unabhängigem Journalismus in diesem Krieg:

 

Neues Institut für konstruktiven Dialog

Eine Neugründung trägt dem sensiblen Umgang mit den Themen Krieg und Krise Rechnung. Die Deutsche Welle, die Rheinische Post Mediengruppe, RTL Deutschland und das dänische Constructive Institute an der Universität Aarhus haben gemeinsam die Bonn Institute gGmbH für Journalismus und konstruktiven Dialog an den Start gebracht. "Die einzigartige Allianz privater, öffentlich-rechtlicher und gemeinnütziger Akteure setzt sich damit für Journalismus ein, der die Menschen in den Mittelpunkt stellt und gesellschaftliche Verantwortung übernimmt", heißt es zu Wochenbeginn.

Ellen Heinrichs, Gründerin und Geschäftsführerin des Bonn Institute, betont: "Gerade in Krisenzeiten sehen wir wie wichtig es ist, dass Redaktionen ihr Publikum mit den Problemen nicht allein lassen und den Menschen einen echten Mehrwert durch faktenbasierten und konstruktiven Journalismus bieten. Dem Wunsch von Redaktionen nach Austausch und konstruktiven Impulsen werden wir mit einer Vielzahl von praxisrelevanten Angeboten Rechnung tragen."

Die Anschubfinanzierung kommt von der Staatskanzlei NRW. Zu den Mitgliedern des Kuratoriums zählen namhafte Vertreter:innen aus dem Journalismus, darunter Professor Jay Rosen von der City University New York, Wolfgang Blau als Co-Founder des Oxford Climate Journalism Network, Autorin Kübra Gümüşay, die Journalistin Sham Jaff, Correctiv-Geschäftsführer David Schraven, Professor Volker Kronenberg von der Universität Bonn oder auch Susanne Amann, Leiterin Strategie & Operations des Nachrichtenmagazins Spiegel.

Der Journalimus-Gipfel der 35. Medientage München stand unter dem Motto "Journalism under attack!":

 

Daneben engagieren sich Medien direkt für die Menschen, die dem Krieg entflohen sind. „Wir erleben gerade eine beispiellose Welle der Solidarität in Bayerns lokalem Rundfunk“, sagt etwa der Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), Dr. Thorsten Schmiege, mit Blick auf Initiativen im lokalen Rundfunk Bayerns.

Einige Beispiele: Antenne Bayern hat bereits mehr als vier Millionen Euro an Spenden gesammelt, der Münchner Sender Gong Unterkünfte für über 5000 Geflüchtete vermittelt und Radio Bamberg in Kooperation mit einem ortsansässigen Unternehmen einen Bus gespendet, der hilfs- und pflegebedürftige Menschen aus der Ukraine herausfährt. Die lokalen Fernsehprogramme münchen.tv und tv.ingolstadt rufen über ihre Webseiten zu Spenden auf, TVA.Ostbayern listet online zahlreiche Informationen zu lokalen Sammel- und Hilfsstellen auf.

 

Die sechste Ausgabe der Online-Event-Reihe #MTMdigitalks steht steht unter dem Motto "Ukraine Ein Krieg, der auch die Medienwelt verändert". Am Donnerstag, 31. März 2022 wird von 15:00 bis 17:00 Uhr der Fokus darauf gelegt, wie Medien mit dem Krieg in der Ukraine umgehen und was dieser Konflikt langfristig für die Medienwelt bedeuten könnte.
In Russland werden kritische Medien wie der TV-Sender Doschd verboten, die Deutsche Welle wird des Landes verwiesen und die EU beschließt ein Sendeverbot für RT Deutschland. Ukrainische Medienhäuser scheinen Unmögliches zu leisten. Eine neue und wesentliche Rolle spielt Social Media, insbesondere jüngere Kanäle wie TikTok.
Was bedeutet das für Medienmacher:innen und für die Zukunft der Kriegsberichterstattung? Wie ist die Situation für Journalist:innen vor Ort? Wie entsteht aktuell Meinungsführerschaft und wie genau werden Medien von den unterschiedlichen Seiten benutzt? Diese Fragen werden spannende Expert:innen beim #MTMDigitalk am 31. März beantworten.

Hier geht es zur kostenfreien Anmeldung!


Interessiert an Themen rund um die Medienbranche? Dann ist hier im Blog der Medientage München noch mehr Lesenswertes zu finden. Zudem können Medienthemen auch gehört werden: im Podcast der Medientage München.

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Darüber hinaus stehen Zusammenfassungen vieler Sessions der 35. MEDIENTAGE MÜNCHEN sowie Bildmaterial in der Mediathek der Medientage-Homepage bereit.

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