Medientage München - Blog

Inhalte und Partnerschaften aus der KI-Ära

Geschrieben von Petra Schwegler | 21. April 2026

KI-Produktionen mit Hollywood-Stars, vertikale Serien nach Gaming-Logik, fiktive Influencer mit 40 Millionen Views – und eine Mediaagentur, die ihr Haus auf KI umrüstet. Was das alles verbindet? Ein Auftritt beim MTM SPECIAL AI & MEDIA in der HFF und die Erkenntnis, dass KI eben keinen Knopf zum Gratisinhalt hat. Dahinter steckt immer noch menschliche Kreativität, nur schneller, globaler und manchmal komplett ohne echte Menschen vor der Kamera.


Wie wird Video-KI wirklich rentabel? Diese zentrale Frage stellt sich das Silican Valley ebenso wie die Filmbranche jenseits und diesseits des Atlantiks. Die Antwort kommt bei #AIME26 in München direkt aus Hollywood – oder besser gesagt: aus dem neuen Hollywood, das gerade entsteht.

Jason Day von Luma AI präsentiert einen Clip aus der neuen Prime-Video-Produktion „Die alten Geschichten: Moses". Ein Meilenstein, denn Luma AI hat gemeinsam mit Wonder Project ein KI-Produktionsstudio gegründet namens Innovative Dreams. Die erste Produktion ist die Serie mit Hollywood-Star Ben Kingsley in der Hauptrolle.

Luma Agents unterstützen dabei den gesamten kreativen Prozess – von Text bis Video, in Echtzeit. Das klingt nach Knopf drücken, Inhalt rausholen, fertig. Aber Jason Day stellt das sofort richtig: „600 Menschen in LA haben an der Moses-Produktion mitgearbeitet. Wenn man denkt, man drückt den Knopf und dann kommt kostenlos Inhalt heraus: So läuft das nicht. Dahinter steckt viel menschliche Kreativität."


Dieser Satz bricht mit einem hartnäckigen Missverständnis: KI als Freifahrtschein für kostenlosen Content. Day und seine Mitstreitenden sind sich einig, dass sich die Erwartungen diesbezüglich grundlegend ändern müssen. KI sei kein Tool fürs Umsonst. Sie sei ein Werkzeug, das menschliche Kreativität potenziert, nicht ersetzt, so der Luma-Manager. 

Diese Haltung steckt auch hinter der Partnerschaft, die Luma vor wenigen Wochen mit Florian Haller und seiner Serviceplan Group geschlossen hat. Serviceplan ist die größte inhabergeführte Kommunikationsagentur Europas – und hat sich vertraglich zugesichert, dass mehr als 1000 Mitarbeitende bis 2027 ein KI-Training durch Luma durchlaufen.

Luma bringt die Technik ein, Serviceplan die Kreativität. Haller selbst formuliert es bei der zweitägigen Konferenz so: „Ich glaube fest daran, dass KI unsere Media-Arbeit von Grund auf verändert. Dafür brauchen wir eine starke Struktur. So wird das House of Communication in ein House of AI überführt. Wir wollen die Mitarbeitenden nicht ersetzen, wir wollen mit Luma kein Cost Cutting betreiben: Wir wollen die Teams zu besseren Ergebnissen befähigen."

Vertical Drama: das neue Hochkant-Geschäftsmodell?

Weiter geht es mit einem Format, das gerade die Bewegtbild-Branche aufmischt: Vertical Drama. Binge-Watching im Hochformat – Storytelling und Serienlogik für die Smartphone-Generation. Weltweit gibt es bereits mehrere hundert Vertical Drama Apps, und der Markt wächst rasant.

Für HOLYWATER-Managerin Sasha Tkachenko (Foto oben; Medien.Bayern GmbH/MEDIENTAGE MÜNCHEN) aus der Ukraine, die lange im klassischen TV gearbeitet hat und heute mit Fox partnert, ist KI die Hoffnung, die vertikale Produktion schneller, besser und günstiger zu machen. Das Haus bespielt alle relevanten Kanäle – TikTok, Instagram und diverse Apps – mit einem enormen Content-Ausstoß. Der hybride KI-Einsatz, also mal rein KI-generiert, mal KI-optimiert, hat Gründe: Es gilt, Risiken zu minimieren. Das Haus beschäftigt viele Jurist:innen, unter anderem wegen Vertical-Reihen rund um die Mafia.

Das Geschäftsmodell orientiert sich am Gaming-Prinzip. Hooks zu Beginn und, wie Tkachenko es nennt, „der Cliffhanger des Todes am Ende". Das seien die entscheidenden Mechanismen, um bei den Zuschauenden auf dem Smartphone die Zahlbereitschaft zu erzeugen. Motto: „Du musst es haben oder Du stirbst!" Das Ziel von HOLYWATER: ein vertikales Netflix zu werden. Frankreich und Deutschland sollen jetzt erobert werden – in Kooperation mit hiesigen Produzenten, die keine Angst vor „Mafia-Content" haben.

Interesse zeigt bei #AIME26 Otto Steiner von Constantin Entertainment. Der Produzent sieht Vertical Drama nicht als neues Genre, sondern als neues System nach Gaming-Vorbild. Meriem Rebai von reelistiq, der ersten Virtual-Drama-Agentur in Deutschland, die bereits für Constantin produziert hat, sieht eine echte Marktchance. Smartphone-User seien genervt von klassischer Werbung und nehmen demnach neue Inhalteformate gerne an. 

Sender und Streamer haben laut Steiner großes Interesse an Vertical Drama, aber die Integration ins bestehende System ist ihm zufolge die eigentliche Herausforderung. Content, Distribution und Monetarisierung müssten neu gedacht werden, denn sie passen nicht zur monatlichen Abrechnung oder zur klassischen Werbefinanzierung der klassischen TV- und Streaming-Branche. Wirtschaftlich ist der Trend für Auftragsproduzenten noch kein Goldrausch: „Als Auftragsproduzent kommst Du auf höchstens drei bis vier Prozent Marge – das reicht nicht." Noch dazu fallen trotz sehr geringer Produktionskosten oft sehr hohe Marketingbudgets an, um die vertikalen Kurzclip-Serien an die User zu bringen.

Rebai hofft, dass Vertical Drama rauskommt „aus der Schmuddelecke" – was laut Steiner gerade passiert. Die Parallele zu den Anfangsjahren des Privatfernsehens liegt nahe ...

Fiktion trifft Reichweite. Was passiert, wenn Echtheit optional wird?

Der KI-generierte Influencer @hakimdecoded existiert seit rund zehn Monaten – und ist merklich künstlich. Er reist zu Menschen ins mittelalterliche Köln oder läuft mit Esel Bella an der Hand über die Via Appia im antiken Rom. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, hat er in den letzten Monaten mehr als 40 Millionen Menschen erreicht. Das Schlüsselkonzept dahinter ist laut seinem Erfinder Leon Asianowaa die „Suspension of Disbelief" – ein Begriff aus der Literatur- und Medientheorie. Man lässt sich reinziehen, auch wenn der Inhalt ersichtlich überzeichnet ist.

Was hier passiert, ist neu: Menschen gehen mit fiktiven Charakteren im realen sozialen Raum in den Austausch; nicht als Zuschauende, sondern als Teil der Geschichte. Der Schöpfer des Charakters beschreibt es als „partizipatives Storytelling": „Durch Kommentare und Reaktionen kann ich direkt auf Wünsche des Publikums reagieren." Reels oder Bilder werden integriert, alles aufeinander abgestimmt. Der fiktive Charakter wird zwischen Posts und innerhalb der einzelnen Stories entwickelt. Die Werbewirtschaft hat das Konzept bereits entdeckt.

Der AI Creator und sein echter Creator: @hakimdecoded auf dem Screen, Leon Asianowaa  auf der #AIME26-Bühne
(Quelle: Medien.Bayern GmbH/MEDIENTAGE MÜNCHEN)


KI erleichtet auf vielen Wegen die Produktion von Inhalten. Ashu Behl von Pocket FM zeigt bei der Konferenz, wie agentische KI eine ganz neue Creator-Ökonomie im Audio-Video Bereich schafft. Ein AI Co-Pilot des Anbieters ermöglicht User Generated Content, der direkt auf YouTube ausgespielt werden kann – und schlägt vor allem in den USA ein. Die Idee: ein „YouTube of Audio", in dem KI-gestützter UGC eine neue Creator-Ära einläutet.

Behl gibt die prägnante Formel aus: „User Generated Content auf Basis agentischer KI demokratisiert das Storytelling."

Wie KI den Journalismus verändert

Chancen, Risiken, und eine klare Kampfansage an Google: Das Journalismus-Panel von #AIME26 thematisiert Licht und Schatten. Tagesmoderator Jannis Brühl von der Süddeutschen Zeitung formuliert es schlicht: „Das, was journalistische Arbeit ausmacht, ist die Recherche." KI ändert das Handwerk, aber nicht seinen Kern.

KI-Expertin Uli Köppen vom Bayerischen Rundfunk sieht die KI-Ära sogar als Aufbruch: „Bester Job!" Der BR hat früh Kennzeichnungsregeln eingeführt. Im nachrichtlichen Kontext arbeitet die ARD-Anstalt nicht mit KI. Köppens Appell: „Authentizitätsstempel sollten in der KI-Ära journalistische Marken ausmachen. Für diesen Wert muss man einstehen, hart darum kämpfen." Und zu Googles AI-Entwicklungen sagt sie unverblümt: „Das ist astreine Erpressung. Publisher, die nicht bei AI Overviews ausgespielt werden wollen, allen in der Suche komplett raus."

Maren Langbehn aus der ProSiebenSat.1-Familie versteht KI als Werkzeug für tiefere Recherche, bessere Erklärformate und vor allem für Fake Detection. Ihr Credo: In der Zero-Click-Ära zählt wieder, wer zu den Menschen geht. Focus-Chefredakteur Georg Meck zieht eine historische Parallele: Wie das Internet in den 1990er-Jahren sei KI eine Riesenchance. Wer wachsam bleibt und prüft, gewinnt. Die Folgen der KI Search wie die massiven Reichweitenverluste kommentiert der Burda-Manager so: Weniger SEO, mehr echte Kundenbindung und der Weg führt zu Paid Content.

 

Auch wenn die MTM als Konferenz bis zum 21. Oktober 2026 pausieren: Wir bleiben präsent! Die Zusammenfassungen wichtiger Panel-Diskussionen sowie Bildmaterial der 39. MEDIENTAGE MÜNCHEN stehen im Info-Bereich der MEDIENTAGE-Homepage und auch im MTM-Blog bereit. Bilder für den Download (Quelle: Medien.Bayern GmbH/MEDIENTAGE MÜNCHEN) sind in der Mediathek zu finden.


Zudem können zahlreiche MTM-Themengehört werden: im Podcast "This is Media NOW".