KI schreibt, generiert und entscheidet – aber wer trägt die Verantwortung? Beim Media Lab Innovation Festival in München wurde klar: Gutes Prompten ist nicht nur ein technische Frage, sondern auch eine ethische. Und: Guter Journalismus bleibt eine zutiefst menschliche Aufgabe.
Was wir jetzt lernen müssen – und warum unsere größte Stärke keine Maschine ersetzen kann.
Wenn wir einer KI den Auftrag geben, ein Bild von einer erfolgreichen Management-Persönlichkeit zu erstellen, könnte das Ergebnis ein weißer Mann im Anzug sein. Oder fragen wir nach einer Krankenschwester, dann dürfte das LLM ausschließlich Frauen zeigen. Beim Motiv "Flüchtling" tauchen nach Erfahrungen von Habiba Sarhan fast automatisch kriminelle Zusammenhänge auf.
Das sind keine Zufälle, das sind Symptome. Darauf hat Sarhan als Model Behavior & Responsible AI Lead bei GaiaLogic im Rahmen eines Workshops beim diesjährigen Media Lab Innovation Festival des Media Lab Bayern, Schwesterinitiative der MEDIENTAGE MÜNCHEN, hingewiesen.
Darum geht es beim ethisch durchdachten Prompten
Wie gehen wir verantwortungsvoll mit KI um – heute und in Zukunft? Fairer Prompt, fairere Welt?
Fest steht für Habiba Sarhan: Wer promptet, gestaltet. Jede Formulierung, jede Wortwahl, jede Anweisung an ein KI-System trägt Annahmen in sich, Werte und implizite Entscheidungen. Wer mit KI arbeitet, entscheidet mit, ob er will oder nicht, welche Perspektiven gestärkt und welche an den Rand gedrängt werden.
Sarhan (Foto: privat) hat an der TU München zu sozio-technischen Dynamiken promoviert. Im Workshop des Media Lab Innovation Festivals führte sie die Teilnehmenden in die Praxis des so genannten wertebasierten Promptings ein. Ihr Ansatz: Nicht regulatorische Rahmwerke allein lösen das Problem, auch wenn der EU AI Act ein wichtiger Schritt ist. Es braucht aufmerksame Menschen, die beim Prompten mitdenken.
Das ist dringend nötig. Denn die Realität ist: KI-Modelle, also Large Language Models, lernen aus dem Internet. Und das Internet ist – Fakt! – weiß und westlich dominiert. Das bedeutet: In die Trainingsdaten fließt überproportional viel westliches Denken ein. Viele Generationen voller Rassismus und Vorurteilen haben digitale Spuren hinterlassen. Big-Tech-Konzerne klammern zudem laut Habiba Sarhan bei ihrer Datenbeschaffung ganze Regionen der Welt aus. Die Folge: Auf der Weltkarte der KI gibt es erschreckend viele blinde Flecken – besonders bei Bildern.
Sarhan verweist auf ein drastisches Beispiel: Prompts zur Bildgenerierung von People of Color erzeugen mitunter rassistische Motive. Das sei kein technisches Versehen, vielmehr ein Echo unserer eigenen Geschichte, eingraviert in Daten.
Was bedeutet das konkret für unsere KI-Prompts?
Sarhan empfiehlt beim Formulieren von Prompts das COSTAR-Framework: Context, Objective, Style, Tone, Audience, Response. Wer diese sechs Dimensionen beim Prompten im Blick behalte, verbessere nicht nur die Qualität der Ergebnisse, sondern auch deren Fairness. Ihr Credo: "Es gilt beim Prompten, an die Details zu denken."
Darüber hinaus stellt sie eine ganze Reihe von Fragen in den Raum, die zeigen, wie vielschichtig das Thema ist: Was passiert, wenn KI zur Überabhängigkeit führt – also wenn Menschen aufhören, selbst kritisch zu denken? Wie gehen wir mit dem digitalen Fußabdruck von KI-Systemen um? Wie mit dem Phänomen, dass Reime oder kreative Umformulierungen genutzt werden, um Sicherheitsfilter zu umgehen – Stichwort: Jailbreaking durch Lyrik? Was bedeutet es, wenn KI so stark auf Neutralität getrimmt wird, dass sie ins andere Extrem kippt und übertrieben gegensteuert?
Für diese Fragen gibt es kein einfaches Regelwerk. Aber es gibt Werkzeuge und Haltung. Transparenz, Verifizierung und menschliche Überarbeitung seien im professionellen Umgang mit Künstlicher Intelligenz laut Sarhan "nicht verhandelbar".
Der Mensch bleibt unersetzlich – vorerst
In einem weiteren KI-Workshop des Festivals dreht Journalist Cliff Lehnen den Blickwinkel weg von der ethischen Verantwortung hin zur ganz praktischen Frage: Was bleibt vom Journalismus, wenn KI immer mehr übernimmt?
Seine Antwort ist klar: "Unsere eigentliche Kraft ist das Menschliche." WKI könne helfen, Texte zu automatisieren, Recherche zu beschleunigen, Inhalte auf Plattformen auszuspielen. "Mit KI geht es höher, schneller weiter", sagt Lehnen. Aber: "Der Mensch sorgt für tiefer, breiter, besser."
Wärme, Witz, Empathie, zuweilen Erotik, Vertrauen, Charme und Zwischentöne: Das sind Lehnen zufolge jene Qualitäten, um die es im Journalismus wirklich geht – und die keine KI auf absehbare Zeit replizieren kann. "Zumindest auf Sicht nimmt uns das keine KI weg", betont er. Menschen könnten "zugewandtere Ergebnisse" erzielen als jede Maschine.
Cliff Lehnen (Foto: privat) zieht beim Blick in die Zukunft den Future of Jobs Report 2025 heran. Demnach wandeln sich bis 2030 rund 40 Prozent der benötigten Skills in Bürojobs. Technologiekompetenz wird natürlich in der KI-Ära wichtiger. Aber eben auch: Resilienz, analytisches Denken, Empathie, Entscheidungsfähigkeit, Leadership. Zutiefst menschliche Qualitäten also.
Lehnens Vision für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz klingt fast poetisch: "Die KI als Freund und Helfer, als Perspektive, aber nicht als Ersatz für uns alle. Wir dürfen uns trauen, Mensch zu sein."
Zwei Workshops, eine Botschaft
Sie lautet: Künstliche Intelligenz ist mächtig, aber sie ist kein Selbstläufer oder Allheilmittel. Sie spiegelt zurück, was wir ihr geben – mit allen Vorurteilen, allen Lücken, allen Verzerrungen. Deshalb braucht es Menschen, die aufmerksam bleiben, hinterfragen oder auch fairer prompten. Es braucht in der KI-geprägten Zukunft des Journalismus‘ Menschen, die den Mut haben, ihren eigenen Stil und Haltung zu zeigen.
Lehnens Fazit lautet: "Unsere Superkraft ist und bleibt die Menschlichkeit." Dem ist nichts hinzuzufügen.
Das neue MTM SPECIAL AI & MEDIA zu Künstlicher Intelligenz in der Bewegtbild-Branche findet am 21. und 22. April 2026 in der HFF München statt. In Keynotes, Panels und Masterclasses geht es um aktuelle Anwendungen, rechtliche Fragen und neue Perspektiven für den Einsatz von KI in der Medien- und Filmproduktion. Nikola Kohl wird über "State of the Art in Production" sprechen.
Tickets? Gibt es hier.

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