Medientage München - Blog

Lokale Medien, globaler Druck: Lösungsansätze der #LMT26

Geschrieben von Petra Schwegler | 25. Juni 2026

Die Lokalmedientage 2026 in Nürnberg haben zwei Tage lang viele Impulse und Ideen geliefert. Neue FAB-Zahlen, heiße Debatten, frische Ideen.
Was bleibt? Dass Lokaljournalismus systemrelevant ist und dass die Branche den Mut hat, Neues auszuprobieren.

 

Die 34. Lokalmedientage – erstmals unter neuem Namen – haben mit einem Paukenschlag begonnen. BLM-Präsident Dr. Thorsten Schmiege stellte klar: "Lokaljournalismus ist kein Nice-to-have. Er ist demokratische Infrastruktur." Und daher brauche er einen Schutzschirm, der auf drei Streben steht: Auffindbarkeit, Kooperation und Finanzierung. Bayerns Ministerpräsident Dr. Markus Söder sekundierte: „Das Lokale erdet dich. Ich bin auf ewig ein Fan des Lokalen." Beide geben den lokalen Medien auf den Weg, wieder mehr Gründermut zu beweisen. Söder: "Die Idee gewinnt immer, das Jammern verliert immer."

 

Die Zahlen: Digital überholt UKW

Noch lassen sich die Reichweiten der analogen Rundfunkangebot sehen. Das belegt die Funkanalyse Bayern 2026 – und liefert einen historischen Befund: Erstmals hören mehr Bayer:innen Radio über digitale Wege als über UKW. 48,1 Prozent digital, noch 45,2 Prozent UKW an einem durchschnittlichen Werktag. Der Trend ist eindeutig und wichtigster Treiber ist DAB+: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ab 14 Jahren hat inzwischen ein Empfangsgerät für die digitale Antenne, die Tagesreichweite liegt bei 35,2 Prozent.

Radio insgesamt erreicht täglich 76,7 Prozent der bayerischen Bevölkerung. 2,4 Millionen Menschen hören täglich Lokalradio. Private Lokalprogramme schlagen den BR, zumindest bei den 14- bis 59-Jährigen, mit 45,3 Prozent Marktanteil gegenüber 32,2 Prozent beim öffentlich-rechtlichen Angebot.

Und das Lokal-TV? 620.000 Zuschauerinnen und Zuschauer täglich. Das Publikum beschreibt es laut FAB als "verständlich, glaubwürdig, sympathisch". Zahlen, die zählen.

 

Radio-Superpower ist die menschliche Natur

US-Radio- und Marketing-Experte Dave Sturgeon bringt es in seiner Keynote auf den Punkt: Das Problem war nie das Medium. Menschen brauchen einander. Radio verbindet in Echtzeit, eine Stärke, die kein Algorithmus kopieren kann. Vertrauen entsteht von Mensch zu Mensch. Kollektive Vertrautheit schafft gesellschaftliche Relevanz. Und während digitale Kanäle bestehende Nachfrage nur noch abgreifen, erschafft Radio neue Nachfrage. Lukas Schöne vom MedienNetzwerk Bayern hatte die Session mit Queen eröffnet: „So don't become some background noise." Ein passendes Leitmotiv für den ganzen Tag.

Beim Zukunftspanel des Lokalradios ist die Diagnose klar: Das Spielfeld ist unfair. Rundfunk kämpft mit Überregulierung, Big Tech agiert dagegen nahezu unreguliert. Corinna Drumm vom Verband Österreichischer Privatsender und BLM-Präsident Schmiege fordern vehement ein Level Playing Field. Gefragt seien weniger Fesseln für den Rundfunk und striktere Regeln für die Plattformen. Und: „Wenn wir Radio erhalten wollen, müssen wir es auch im Auto erhalten", so Schmiege.

Falk Zimmermann, der an der Spitze der Neuen Welle steht, bringt bei den Lokalmedientagen in Nürnberg das Selbstbewusstsein der Gattung zurück: „Wir sind nicht nur Begleitmedium, wir sind das einzig verbleibende Massenmedium. Wir haben die Lokalität. Das ist unsere Chance gegenüber Big Tech."

CH-Media-Managerin Giulia Cresta setzt die Priorität für den harten Aufmerksamkeitsmarkt: „Loyalität wird zukünftig wichtiger sein als Reichweite." Und Corinna Drumm fasst die Überlebensstrategie in zwei Worten zusammen: "radikale Kooperation".

 

Geschäftsmodelle: Mut zu neuen Wegen

Programmatic Audio, Personalgarantie, Community-Membership: Die Nürnberger Konferenz zeigt, dass die Branche nicht mehr nach dem "einen" Geschäftsmodell sucht. Sie baut mehrere gleichzeitig.

Radio Arabella schließt sich als erster Sender im Freistaat an Programmatic Audio an und meldet relevante Umsätze. AllgäuHIT bietet Kunden eine Personalgarantie: Wir werben, bis Sie Ihr Personal gefunden haben. Die Podcastfabrik von AMS baut für Lokalradios eine neue Erlössäule im Corporate-Bereich auf. Beim Blick auf TV-Werbung im Lokalen wird klar, dass Connected TV und Addressable TV regionales Targeting bis in Straßenzüge ermöglichen, wenn der digitale Anschluss stimmt.

Till Coenen von Radio Arabella hat eine Botschaft: „Das klassische lineare Radio hat eine glänzende Zukunft vor sich, wenn wir Radio mit den digitalen Buchungssystemen verbinden."

 

TV vor Ort: Innovation und Experiment

WOTSCH.TV feiert ersten Geburtstag; die bayerische Medienolattform ist seit den Lokalrundfunktagen 2025 online. Die Streaming-Heimat von 14 bayerischen Lokalsendern wächst, doch Thomas Eckl zeigt sich ehrlich: Die Social-Media-Reichweite ist stark, während die Zugriffe auf der Plattform selbst noch überschaubar seien. Man lerne, plane Personalisierung, neue Ausspielwege, Kooperationen. Eckl: „Gemeinsam sind wir stärker, aber jede einzelne Marke muss erhalten bleiben."

STUDIO 47 aus Duisburg schickt mit zwölf Leuten und KI-Avatar Kachelmann den individualisierten Wetterbericht für jeden Ort. Telebasel baut mit einer Stiftung und 95 Schweizer Franken pro Mitglied und Jahr vor – für die Zeit nach zusätzlichen Gebühren im Jahr 2028. lausitz.tv bespielt mit tagesaktuellem Content viele Kanäle gleichzeitig. Senderchefin Kathleen Urbanski fasst den Lerneffekt so zusammen: „Wir haben vor 25 Jahren noch ganz andere Dinge als wichtig empfunden."

 

Community, Faktencheck, Feed-Logik: Die großen Fragen

Parallel laufen die Debatten, die die Branche strukturell bewegen. Wie schafft Lokaljournalismus Community? Alexander von Streit vom Krautreporter diagnostiziert das Grundproblem des Journalismus: „Das Internet mag uns nicht. Wir kommen nicht durch die Algorithmen durch." Die Antwort, die das Panel liefert, sind echte Begegnungen – Pop-up-Redaktionen in Leerständen, Newsletter als Bühnenshow, Pub Quizzes als Community-Anker und überhaupt: Journalismus als Beziehungsarbeit.

Im Panel zu Fakten und Desinformation wird klargemacht, dass Factchecking kein Hobby und kein Randphänomen ist. Es ist Journalismus pur. Thomas Laschyk vom Volksverpetzer: „Ich finde, wir müssen für die Wahrheit einstehen." Caroline Lindekamp von CORRECTIV ergänzt, dass Desinformation nie ein reines Bildungsproblem sei – die Komplexität dürfe nicht unterschätzt werden.

Beim Blick auf Social Media und Rundfunk skizziert Katharina Hamberger vom Deutschlandfunk das Dilemma: Journalist:innen sind nicht mehr die Gatekeeper, Politik ist zum Sender geworden. Dr. Annette Schumacher, Geschäftsführerin der BLM, zieht daraus die Konsequenz, dass die Auffindbarkeit digitaler journalistischer Inhalte strategisch weiterentwickelt werden müsse.

 

Fazit: Aufbruch statt Abwarten

Deutlich wird bei den neu formierten Lokalmedientage: Die Branche kennt ihre Baustellen. Sie leiden unter Plattformdruck, Erlösschwund und der Algorithmen-Logik der omnipräsenten Digitalplattformen. Sie kennt auch ihre Stärken wie Nähe, Vertrauen, Lokalität. Die Medienhäuser zeigen zudem zunehmend den Mut, Neues zu testen.

Markus Knall, Chefredakteur von Ippen.Media, benennt die eigentliche Bremse inmitten der durch Künstliche Intelligenz beschleunigten Transformation: „Die Vorstellung dessen, was KI vermag, ist noch gar nicht angekommen bei den Menschen. Die Limitation steckt in unseren eigenen Köpfen." Alexander Woldrich von Radio Fantasy liefert die Antwort darauf: „Raus aus der Komfortzone!"

 

Auch wenn die MTM als Konferenz bis zum 21. Oktober 2026 pausieren: Wir bleiben präsent! Die Zusammenfassungen wichtiger Panel-Diskussionen sowie Bildmaterial der 39. MEDIENTAGE MÜNCHEN stehen im Info-Bereich der MEDIENTAGE-Homepage und auch im MTM-Blog bereit. Bilder für den Download (Quelle: Medien.Bayern GmbH/MEDIENTAGE MÜNCHEN) sind in der Mediathek zu finden.


Zudem können zahlreiche MTM-Themen gehört werden: im Podcast "This is Media NOW".