KI mischt die Welt des dokumentarischen Bewegtbilds auf – gerade bei historischen und wissenschaftlichen Stoffen. Sie eröffnet neue kreative Möglichkeiten, verändert aber auch Arbeitsweisen und Anforderungen an Filmschaffende.
Nikola Kohl, Geschäftsführerin der Produktionsfirma South & Browse, spricht im Interview mit dem Blog der MEDIENTAGE MÜNCHEN über Chancen und Herausforderungen des neuen Storytellings. Die Produzentin gehört zu den Expert:innen des MTM SPECIALS AI & MEDIA am 21. und 22. April 2026 in der HFF München.
Frau Kohl, Sie haben für das ZDF Format "Deepfake Diaries" historische Persönlichkeiten mithilfe künstlicher Intelligenz zum Leben erweckt. Ermöglicht KI die nächste Evolutionsstufe des Storytellings?
Künstliche Intelligenz erweitert für uns als Produzent den Werkzeugkasten des Storytellings erheblich. Technologien wie KI-gestützte Animationen oder synthetische Rekonstruktionen ermöglichen es, Perspektiven sichtbar zu machen, die bisher schwer oder gar nicht darstellbar waren.
Entscheidend bleibt dabei der verantwortungsvolle Einsatz – KI ist ein erzählerisches Mittel, kein Ersatz für journalistische Sorgfalt.
Welche Erzählbereiche eignen sich besonders gut für KI-gestützte Sequenzen oder Animationen?
Besonders stark ist der Einsatz in dokumentarischen Kontexten: bei historischen Rekonstruktionen, bei wissenschaftlichen oder komplexen Themen, aber auch bei subjektiven Perspektiven – etwa inneren Gedanken, Erinnerungen oder hypothetischen Szenarien.
KI kann hier Visualisierungslücken schließen, ohne dass man zwangsläufig auf teure Reenactments oder aufwendige VFX angewiesen ist. KI kann visuelle Lücken schließen und historische Situationen, komplexe Abläufe oder Entwicklungen über lange Zeiträume verständlicher darstellen.
Wichtig bleibt dabei immer Transparenz. Zuschauende müssen erkennen können, was reale Bilder sind und was eine Rekonstruktion.
Neue ästhetische Formen entwickeln, ohne die journalistische Substanz zu verlieren.
Nikola Kohl, South & Browse
Produktionen für die Next Gen versprechen neue ästhetische Standards. Inwiefern ändert sich die Art Geschichten zu erzählen?
Jüngere Zielgruppen sind mit unterschiedlichen Plattformen, visueller Geschwindigkeit und einer großen Bandbreite an Content-Formen aufgewachsen. Das verändert auch ihre Erwartungen an Bewegtbild. Erzählweisen werden direkter, Bildsprachen dynamischer.
Gleichzeitig besteht gerade auch bei jungen Zuschauer:innen das Interesse an glaubwürdigen und gut recherchierten Geschichten. Für uns bedeutet das, neue ästhetische Formen zu entwickeln ohne die journalistische Substanz zu verlieren.
Wie haben sich die Workflows in Ihrem Haus im Hinblick auf den Einsatz von KI verändert?
In der Produktion selbst nutzen Teams KI beispielsweise für Rechercheunterstützung, für Previsualisierungen oder in der Postproduktion.
Wichtig ist dabei, dass KI kein isoliertes Tool bleibt. Sie funktioniert am besten, wenn sie in bestehende kreative Workflows integriert wird. Dadurch entsteht mehr Raum für das, was im Dokumentarischen entscheidend ist. Zeit für Recherche, für Gespräche mit Protagonist:innen und für dramaturgische Entscheidungen. KI beschleunigt bestimmte Schritte, sie ersetzt aber nicht die kreative Verantwortung.
Sensible Daten, Urheberrechte und Produktionsgeheimnisse bleiben ein kritischer Faktor. Welche Sicherheitsanforderungen müssen erfüllt sein, damit Teams KI-Tools wirklich vertrauensvoll einsetzen können?
Produktionsfirmen arbeiten mit vertraulichen Angaben, unveröffentlichten Stoffen und urheberrechtlich geschützten Materialien. Deshalb sind Transparenz bei der Datenverarbeitung, verlässliche Nutzungsbedingungen und kontrollierte technische Umgebungen entscheidend, damit KI verantwortungsvoll in Produktionsprozesse integriert werden kann.
KI kann die strukturellen Herausforderungen der Branche nicht lösen.
Nikola Kohl, South & Browse
Die Auftragslage hat sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Helfen die neuen Technologien dabei, kostengünstiger zu produzieren?
Die Branche steht unter starkem wirtschaftlichem Druck: Budgets sinken, gleichzeitig steigen die Erwartungen an visuelle Qualität. KI kann helfen, bestimmte Produktionsschritte effizienter zu gestalten – etwa bei Konzeptvisualisierungen, Moodboards oder visuellen Erklärsequenzen. Sie löst jedoch nicht die strukturellen Herausforderungen der Branche.
Gute Dokumentationen entstehen weiterhin durch Zugang zu Menschen, gründliche Recherche und eine starke Idee. Technologie kann Prozesse unterstützen, ersetzt aber nicht die kreative und redaktionelle Arbeit von Autor:innen, Regisseur:innen und Produzent:innen. Entscheidend ist, dass KI den Ressourceneinsatz verschiebt: Zeit und Budget, die früher für technische Prozesse nötig waren, können stärker in Recherche, dramaturgische Entwicklung und visuelle Gestaltung fließen.
KI-gestützte Produktionen erfordern neue Kompetenzen. Welche Skillsets gewinnen in Ihrer Produktionsfirma an Bedeutung?
Mit dem Einsatz von KI entstehen neue Schnittstellen zwischen Kreativität und Technologie. In Produktionsfirmen gewinnen deshalb hybride Rollenprofile an Bedeutung, die sowohl Storytelling als auch neue Produktionstechnologien verstehen.
Gleichzeitig bleibt die klassische erzählerische Kompetenz zentral. Gute Autor:innen und Editor:innen werden sogar noch wichtiger, weil sie entscheiden, wie Technologie sinnvoll eingesetzt wird. KI erweitert Möglichkeiten – aber sie braucht Menschen, die daraus überzeugende Geschichten entwickeln.
Wenn Sie in die Zukunft blicken: Welche Entwicklungen werden aus anderen Ländern für die Produktion von Bewegtbild in ein bis zwei Jahren auch zu uns kommen?
International sehen wir mehrere Entwicklungen. Produktionsprozesse werden durch Technologie schneller und flexibler. Im dokumentarischen Erzählen gewinnen KI-gestützte Rekonstruktionen an Bedeutung, besonders bei historischen Stoffen oder Themen mit wenig Bildmaterial.
Gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach glaubwürdigen und sorgfältig recherchierten Geschichten. Gerade im dokumentarischen Bereich bleibt Vertrauen der entscheidende Faktor. Deshalb bin ich überzeugt, dass Qualität und inhaltliche Tiefe langfristig wichtiger bleiben als reine Produktionsgeschwindigkeit.
Zur Person:
Nikola Kohl ist Geschäftsführerin und Produzentin von South & Browse. Seit über 20 Jahren entwickelt und produziert sie hochwertige Dokumentationen und Factual-Formate für Sender und Streaming-Plattformen, darunter ZDF, ARD und Joyn. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf innovativem Storytelling sowie dem Einsatz neuer Technologien und Künstlicher Intelligenz. Kohl ist auch Vorstandsmitglied der Deutschen Produktionsallianz (Sektion Dokumentation). Als Mitglied des KI-Beirats der Allianz gestaltet sie Leitlinien für den verantwortungsvollen Einsatz der neuen Technologie.
Das neue MTM SPECIAL AI & MEDIA zu Künstlicher Intelligenz in der Bewegtbild-Branche findet am 21. und 22. April 2026 in der HFF München statt. In Keynotes, Panels und Masterclasses geht es um aktuelle Anwendungen, rechtliche Fragen und neue Perspektiven für den Einsatz von KI in der Medien- und Filmproduktion. Nikola Kohl wird über "State of the Art in Production" sprechen.
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