Medientage München - Blog

Reichweite, die Radio nicht mehr kontrolliert

Geschrieben von Petra Schwegler | 09. Juni 2026

Radio-Apps und Smart Speaker: Die Goldmedia-Smart-Speaker-Studie 2026 zeigt ebenso wie der Online-Audio-Monitor, dass Online-Audio wächst, während sich die Nutzung auf Geräte und Plattformen außerhalb der Senderkontrolle verschiebt. Das Problem dabei: Die Wertschöpfung bleibt dort, wo die Infrastruktur liegt.

 

Der Online-Audio-Monitor (OAM) vom vergangenen Herbst ist bei der Gerätefrage eindeutig: 84 Prozent aller Online-Audio-Nutzenden hören über das Smartphone, bei den unter 30-Jährigen sind es mehr als 94 Prozent. Das Smartphone ist für immer mehr Menschen die primäre Audioquelle, nicht das klassische Radiogerät.


Wie gelangen Hörer:innen auf dem Smartphone zu Audio- und Radioinhalten?

Das OAM-Ranking der genutzten Plattformen zeigt Folgendes: Google und YouTube liegen vorn, dahinter kommt Spotify. Erst auf Platz drei folgen die Audiotheken, Apps und Webseiten der Radiosender selbst. Der Weg zu Radioinhalten läuft ergo heute zu einem erheblichen Teil über Drittplattformen.

 

Das Smart-TV-Gerät hat sich laut OAM als zweitwichtigstes Hörgerät etabliert: Vier von zehn regelmäßigen Nutzenden hören darüber. Am smarten Fernseher wird Webradio vor allem über Radiosender-Apps und Aggregatoren wie dem Radioplayer aufgerufen – das Gerät gilt nach Angaben der Befragten als gute Klangquelle und bequeme Lösung. On Demand dominieren weiterhin YouTube und Co. per App.

Die Zugangswege zu Audio werden nicht weniger, sondern mehr; WLAN-Radio und Smartwatch wachsen ebenfalls. Das macht Auffindbarkeit auf jedem einzelnen Weg zu einer echten strategischen Frage.

Denn viele Plattformen, über die Hörer:innen zu Inhalten kommen, haben eigene Interessen, eigene Algorithmen und eigene Präferenzen. Wer dort nicht verankert ist, verliert Reichweite, unabhängig von der Programmqualität. Das gilt für Streaming-Plattformen und Apps. Für Smart Speaker gilt es noch stärker.

 

Smart Speaker: Strukturelle Wertasymmetrie zulasten des Hörfunks

Die Goldmedia-Smart-Speaker-Studie 2026, im Auftrag der Medienanstalten erstellt, beschreibt die Lage mit einem zentralen Befund: „asymmetrische Machtverteilung zwischen digitalen Plattformen und Hörfunksendern."

Mehr als 20 Millionen Deutsche nutzen Smart Speaker inzwischen. Ende 2025 waren hierzulande etwa 50 Millionen Endgeräte in Betrieb. Rund 29 Prozent der deutschen Haushalte besitzen ein Geräte wie Amazon Echo, den Marktführer unter den Smart Speakern.
Und es bleibt nicht bei einem:: Wenn, dann stehen im Schnitt 2,3 der Geräte in den Haushalten, während die klassischen UKW-Empfänger immer mehr aussortiert werden.

Die Zahlen zur Wertverteilung sind dabei deutlich weniger erfreulich als die Gerätezahlen. Die Studie entwickelt ein „Value-Exchange-Modell“, das den Beitrag von Radio für die Plattformen dem Gegenwert der Plattformen für Radio gegenüberstellt.

Ergebnis für 2025: Radiosender tragen rund 21 Prozent zur Plattform-Bruttomarge bei, bekommen aber weniger als drei Prozent als Gegenwert zurück.

Amazon, Google, Apple und Samsung kontrollieren die gesamte Wertschöpfungskette. Die Sender liefern die Inhalte, verlieren aber den direkten Kundenzugang.

 

Das Routing-Problem und fehlende Daten

Die Studie benennt die strukturellen Ursachen dieser Asymmetrie.

  • Plattformen bevorzugen bei generischen Sprachbefehlen ihre eigenen Musik- und Audiodienste. Wer nicht explizit als Sender benannt wird, wird häufig nicht ausgespielt.

  • Nutzungsdaten – Starts, Hördauer, Abbruchraten – werden nicht an die Sender weitergegeben. Radioprogramme können ihre Reichweite über diesen Kanal weder messen noch für die Werbevermarktung nutzen. Effektives Targeting ist faktisch ausgeschlossen.

Die regulatorischen Instrumente, die Auffindbarkeit sichern sollten, greifen bislang nicht. Paragraph 84 des Medienstaatsvertrags regelt Auffindbarkeit auf Benutzeroberflächen. Smart Speaker werden aber bislang nicht entsprechend eingestuft und vollzogen.

 

Drei Szenarien bis 2030: fast eine halbe Milliarde Euro Unterschied

Die Goldmedia-Studie arbeitet drei regulatorische Entwicklungspfade heraus. I

  • m besten Fall – Regulierung funktioniert, Radio ist als Anker-Dienst auf Smart Speakern hinterlegt – erzielen Sender eine kumulierte Bruttomarge von 657 Millionen Euro bis 2030.

  • Im Base Case, ohne Regulierungseingriff, sind es 392 Millionen Euro.

  • Im Worst Case, wenn Radio zum reinen Inhalte-Lieferanten degradiert und nur noch per Anwahl des expliziten Markennamens erreichbar ist, bleiben 219 Millionen Euro. Der Abstand zwischen Best und Worst Case: 438 Millionen Euro.

Die Studie leitet daraus konkrete Handlungsoptionen ab: Sender sollten unter anderem per Must-Carry und Must-Be-Found im Voice-Kanal und im Auto verankert werden. Routingpflichten (die faire Weiterleitung und Auffindbarkeit von Inhalten) sollten fixiert werden. Empfohlen wird außerdem ein fortlaufendes Value-Exchange-Monitoring, das die Wertkennzahlen jährlich aktualisiert.

 

Was das für Sender bedeutet

Die beiden Studien zusammengenommen ergeben ein klares Bild: Online-Audio wächst. 53,4 Millionen Nutzende in Deutschland markieren einen neuen Höchststand. Die Reichweite ist da. Aber die Wege, über die Hörer:innen zu Inhalten kommen, laufen zunehmend über Infrastrukturen, die Sender nicht kontrollieren: weder die Plattform, noch den Algorithmus, noch die Daten.

Hier die Entwicklung der Übersicht der Goldmedia-Smart-Speaker-Studie 2026:


Apps und Audiotheken belegen im OAM-Ranking Platz drei der genutzten Zugangswege, zwei von drei Zugriffen auf Radioinhalte laufen aber über Drittplattformen. Hörer:innen direkt an den Sender zu binden – über die eigene App, den eigenen Account, das eigene Interface – ist der einzige Weg, diesen Kundenzugang nicht dauerhaft an Smart-Speaker-Plattformen und Streaming-Dienste abzutreten.

Die regulatorischen Instrumente dafür sind beschrieben. Ob und wie schnell sie kommen, entscheidet darüber, in welchem der drei Szenarien die Branche 2030 landet.

 

Wert und Bedeutung lokaler Medien, von Radio, TV und Zeitungen vor Ort, stehen im Mittelpunkt der neu formierten LOKALMEDIENTAGE am 24. und 25. Juni 2026 im NCC Mitte der NürnbergMesse. Dabei wird auch thematisiert, wie Audio-Apps im besten Fall gestaltet sein sollten. Stichwort: UX. Tickets gibt es hier!

Mehr Lesenswertes rund um die MEDIENTAGE München findet Ihr im Blog. Inspirierendes kann auch gehört werden: im MEDIENTAGE-Podcast "This is Media NOW"!