Zum ersten Mal überhaupt holen sich Menschen weltweit ihre Nachrichten häufiger über Social Media und Video-Plattformen als über die Seiten und Apps der Verlage selbst. In Deutschland ist der Trend etwas gebremster. Doch gerade bei jungen Menschen zeigt sich die Verschiebung ziemlich deutlich. Und während Instagram, TikTok und YouTube zur ersten Anlaufstelle werden, wandert das Werbegeld in dieselbe Richtung. Was das für den Qualitätsjournalismus bedeutet, steht jetzt schwarz auf weiß in mehreren aktuellen Studien.
Es ist ein historischer Moment für die Nachrichtenbranche. Der Reuters Institute Digital News Report 2026 zeigt: Im Schnitt der 48 untersuchten Länder greifen inzwischen 54 Prozent der Menschen zuerst zu sozialen Netzwerken und Videoplattformen, wenn sie sich informieren wollen. Nachrichten-Seiten und -Apps der klassischen Medienanbieter liegen mit 51 Prozent dahinter – zum ersten Mal seit Beginn der Erhebung.
Hierzulande ist die Entwicklung zwar gemäßigter, der Trend indes ist der gleiche. Laut der deutschen Digital-News-Report-Teilstudie des Leibniz-Instituts für Medienforschung nutzen inzwischen 36 Prozent der Online User soziale Medien für Nachrichten, 18 Prozent nennen sie ihre wichtigste Quelle. Das ist ein neuer Höchstwert, vier Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.
Generell gilt dem Werk zufolge: "Das Internet ist die wichtigste Nachrichtenquelle. 67 Prozent der erwachsenen Online-Bevölkerung in Deutschland konsumieren mindestens einmal pro Woche Nachrichten im Internet. Soziale Medien sind dabei die reichweitenstärkste Online-Nachrichtenquelle: 36 Prozent kommen dort mit Nachrichten in Kontakt. Besonders bedeutend sind soziale Medien für die 18- bis 24-Jährigen: 60 Prozent von ihnen nutzen Nachrichten in sozialen Medien."
Fernsehen bleibt laut Analyse hierzulande noch eine stärkere Kraft: Zusammen mit den Niederlanden und Dänemark gehört Deutschland zu den letzten drei Märkten, in denen klassische TV-Nachrichten noch mehr Menschen erreichen als Online-Videos.
Wer verstehen will, wohin die Reise künftig geht, muss auf die 18- bis 24-Jährigen schauen, also auf Menschen an der Schwelle der Gen Alpha zur Gen Z. Bei ihnen sind soziale Medien laut Studie längst die zentrale Informationsquelle, für 17 Prozent dieser Altersgruppe sogar der einzige Weg, über überhaupt mit Nachrichten in Berührung zu kommen. Die Jüngsten machen keinen Umweg mehr über Verlagsseiten oder über die "Tagesschau". Sie springen direkt in den Feed.
Die JIM-Studie 2025 bestätigt das Bild aus anderer Perspektive: 97 Prozent der Jugendlichen besitzen ein Smartphone, über das praktisch der gesamte Medienalltag läuft. Soziale Netzwerke übernehmen dabei zunehmend die Rolle als zentrale Nachrichten- und Orientierungsquelle, mit allen Folgen für Informationsqualität und Desinformationsanfälligkeit. Fernsehen und Radio verschwinden nicht, werden für die Jüngeren aber eher zum Hintergrundrauschen als zur aktiven Wahl.
Spannend wird es beim Vertrauen. Eine Studie der IU Internationalen Hochschule zeigt: 56,9 Prozent der Generation Z nutzen soziale Medien häufig oder immer zur Informationssuche, deutlich mehr als der Bevölkerungsdurchschnitt von 43,2 Prozent. Voll vertrauen diesem Kanal aber nur 5,4 Prozent der Jungen. 62,4 Prozent aller Befragten – Jüngere überdurchschnittlich oft – halten Inhalte klassischer Medien für vertrauenswürdiger als jene von Content Creatorn.
Hier liefert das Werk des Reuters Institute weitere Daten: International beziehen demnach 46 Prozent der Befragten Nachrichten über Accounts bekannter Persönlichkeiten, 27 Prozent gezielt über News-Influencer. In Deutschland liegen die Werte niedriger: 13 Prozent kommen mit Newsfluencer-Inhalten in Kontakt, bei den 18- bis 24-Jährigen sind es 30 Prozent.
Die gute Nachricht für Verlage: Die meisten nutzen Creator Content parallel zu klassischen Quellen, nicht als Ersatz.
Der druckfrische b4p-Trendreport „News im Wandel – Wie sich der Nachrichtenalltag verändert" der Gesellschaft für integrierte Kommunikationsforschung (GIK) liefert ein Gegengewicht zur reinen Plattform-Erzählung. Für 85 Prozent der Befragten sind demnach Nachrichtenkanäle etablierter Medien nach wie vor die zentrale Anlaufstelle für aktuelle Informationen. Als Instanz für Orientierung, Meinungsbildung und demokratische Teilhabe werden sie ebenfalls stark bewertet: 78, 74 und 73 Prozent Zustimmung.
Was sich laut GIK grundlegend ändert, ist nicht die Bedeutung des Journalismus, sondern die Art, wie er konsumiert wird:
Newsletter und Podcasts entwickeln sich dem Trendreport zufolge zu eigenständigen Nachrichtenformaten. 37 Prozent nutzen Newsletter für den kompakten Überblick, 29 Prozent Podcasts für Einordnung und Hintergrund. Besonders spannend für Anbieter lokaler Medien: 71 Prozent interessieren sich für lokale und regionale Newsletter, abonniert haben ihn bislang aber erst 22 Prozent. Hier liegt dem Werk zufolge noch deutliches Wachstumspotenzial.
Gerade beim Dauerthema KI zeigt sich, wie robust journalistische Marken bei den Menschen verankert sind; sie vertrauen ihnen. 56 Prozent der KI-Nutzer:innen greifen zwar laut Analyse zuerst zu Chatbots, wechseln danach aber zu journalistischen Angeboten, um Informationen zu prüfen und zu vertiefen. 69 Prozent halten KI für einen hilfreichen ersten Überblick, vertrauen bei aktuellen Nachrichten aber eher den Originalquellen; 78 Prozent erwarten explizit Transparenz bei den Quellen. Besonders bemerkenswert: Ausgerechnet die Gen Z ist hier am kritischsten. 85 Prozent der 16- bis 29-Jährigen legen Wert auf transparente Quellenverweise etablierter Medien in KI-Anwendungen, spürbar mehr als bei den Älteren. Nur 23 Prozent verlassen sich primär auf KI, zwei Drittel vertiefen sich zusätzlich in journalistischen Originalquellen.
Gleichzeitig bewertet die Gen Z die Glaubwürdigkeit deutscher Medien mit 63 Prozent so hoch wie keine andere Altersgruppe.
GIK-Sprecherin Clarissa Moughrabi fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen: Social Media und KI eröffnen zusätzliche Zugänge zu Nachrichten. Doch über alle Kanäle hinweg bleiben journalistische Medienmarken die zentrale Instanz für Orientierung, Glaubwürdigkeit und Vertiefung.
Die Erwartungen der Nachrichten-Konsument:innen im Überblick:
Die Aufmerksamkeit – allen voran der jungen Zielgruppen – wandert zu den Plattformen wandert. Und das Werbegeld folgt demselben Weg. Für den deutschen Markt rechnet der Branchenverband Die Mediaagenturen e.V. vor: Google, Amazon und Meta sollen ihre Netto-Werbeumsätze 2026 hierzulande auf 16,3 Milliarden Euro steigern – erstmals über die Hälfte der gesamten Werbeinvestitionen im Land. Zu den Verlierern zählen mit linearem Fernsehen und Print jene Gattungen, die den Großteil des professionellen Journalismus finanzieren.
Verschärft wird das einseitige Wachstum durch ein Umfeld-Paradox: Programmatische Werbebuchungen und pauschale Keyword-Blockaden sorgen international dafür, dass journalistische Beiträge zu heiklen Themen häufig automatisch von Werbemonetarisierung ausgeschlossen werden. Das betrifft in besonderem Maße Nachrichtenbeiträge. Qualitätsmedien verlieren damit ausgerechnet dort Erlöse, wo sie am sorgfältigsten arbeiten.
Der Druck auf die globale Werbewelt nimmt aktuell eher nochmals zu. Sie wird nicht nur von Google, Meta und Amazon dominiert, die chinesischen Digitalriesen ByteDance, Alibaba, PDD, Tencent und JD mischen in der Top Ten inzwischen mit. Das zeigt eine Auswertung des Media Networks WPP. Die weltweit größten Werbeverkäufer sind heute nicht mehr klassische Medienhäuser, sondern Unternehmen, die Aufmerksamkeit, Daten, Transaktionen und Shopping aus einer Hand bieten. Das Konzept Amazon hat die Welt erobert.
Auch wenn die MTM als Konferenz bis zum 21. Oktober 2026 pausieren: Wir bleiben präsent! Die Zusammenfassungen wichtiger Panel-Diskussionen sowie Bildmaterial der 39. MEDIENTAGE MÜNCHEN stehen im Info-Bereich der MEDIENTAGE-Homepage und auch im MTM-Blog bereit. Bilder für den Download (Quelle: Medien.Bayern GmbH/MEDIENTAGE MÜNCHEN) sind in der Mediathek zu finden.
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