Medientage München - Blog

Smartphone trifft Steinzeithirn: Wege aus der digitalen Vermüllung

Geschrieben von Petra Schwegler | 12. November 2019

Smartphone und Internet sind omnipräsent. Die Informationsflut reißt nicht ab - gerade bei den Jüngeren. Nur ein Beispiel: Mit durchschnittlich 11 Stunden online pro Woche (ohne Arbeit und Mails) ist die Gen Z der nach 1996 Geborenen absoluter Spitzenreiter in Sachen Mobile. Doch wann ist es genug?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Neurowissenschaftlerin und Medienpsychologin Prof. Dr. Maren Urner. Sie doziert im Fachbereich Psychologie & Fachbereich Journalismus und Kommunikation an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft. Maren Urner spricht am 18. November beim MobileMediaDay in Würzburg und im Blog der Medientage darüber, wie wir mit unserem "Steinzeithirn" der Informationsflut besser begegnen können. 

 

Frau Urner, auch Sie sind in Sozialen Netzwerken aktiv und nutzen Ihr Smartphone. Doch wie gehen Sie persönlich mit der ganzen Datenflut um?

Ich habe mir einige Routinen und Gewohnheiten aufgebaut und so meine eigene "Medienhygiene" etabliert. Das funktioniert meist gut, bedeutet aber nicht, dass ich nicht auch ab und an den Versuchungen der digitalen Ablenkung erliege.

Ist so ein digitales beziehungsweise mobiles Verhalten von jedem erlernbar?

Ja! Genau darum geht es mir auch in meinem Buch "Schluss mit dem täglichen Weltuntergang – Wie wir uns gegen die digitale Vermüllung unserer Gehirne wehren".

Der erste Schritt ist die Erkenntnis beziehungsweise Einsicht, dass die Dauerbeschallung mein Steinzeithirn stresst und überfordert. Dann kann ich mithilfe des so genannten Kritischen Denkens mein Verhalten besser verstehen und neu sortieren.

Auf einer Skala von 1 bis 10 – wo liegt das Stress-Level bei uns Smartphone-Nutzern derzeit?

Ich mag solche Pauschalaussagen nicht, da sie wenig wissenschaftlich sind. Selbst wenn wir hier einen Mittelwert bestimmen würden, wäre der nicht besonders aussagekräftig, da die Spannbreite der eingeschlossenen Werte so groß ist. Ich kenne Menschen, die sich Null vom Smartphone stressen lassen, vielleicht sogar gar keins besitzen.

Um mich nicht komplett um eine Antwort "zu drücken": Ich hoffe, dass sich in Zukunft weniger Menschen gestresst fühlen und die Angst, ständig etwas zu verpassen, (wieder) ablegen können.

Sie nehmen in Ihrem Buch ganz besonders die Medien bei der "digitalen Vermüllung unserer Gehirne" in die Verantwortung. Warum?

Weil sie im Mittel zu negativ berichten und damit nicht nur für ein verzerrtes, zu negatives Weltbild sorgen, sondern die Berichterstattung auch psychische Folgen haben kann. Vom (chronischen) Stress bis hin zur erlernten Hilflosigkeit, die uns ohnmächtig und passiv zurücklassen kann.

Das kann auf Dauer dafür sorgen, dass sich Menschen von den gesellschaftlichen Herausforderungen gänzlich abwenden, weil sie "gelernt haben", nichts ausrichten zu können.

Gibt es neben Ihrem eigenen Projekt Perspective Daily im freien Medienmarkt Beispiele für Konstruktiven Journalismus?

Ja, auf jeden Fall. Das Thema ist im Mainstream angekommen, und die unterschiedlichsten Medien und Formate versuchen sich mehr und mehr am Konstruktiven Journalismus. Beispielsweise "Plan B" im ZDF, der Lösungsfinder der "Tagesthemen" und verschiedene Startups.

Dazu kommt: Nicht alles was "konstruktiv" ist, trägt das Label "Konstruktiver Journalismus“ – den gab es vermutlich schon immer. Nur im Mittel ist es eben immer noch zu wenig!

 

 

Die Neurowissenschaftlerin und Medienpsychologin Maren Urner gibt beim MobileMediaDay einen Crashkurs im Kritischen Denken. Der Fachkongress zur mobilen Mediennutzung findet am 18. November 2019 zum siebten Mal im Vogel Convention Center (VCC) in Würzburg statt.

Der MMD richtet sich sowohl an Entscheider und Macher aus der Medien-, IT- und Kreativwirtschaft, an Gründer und Startups als auch an Studenten aus den mediennahen Studiengängen der Würzburger Hochschulen.
Dieses Jahr unter anderem auf dem Programm: Storytelling im Messenger, Podcast, mobile VR, Mobile Marketing oder auch Print Follows Instagram.

Hier geht’s zu weiteren Informationen und zur kostenfreien Anmeldung.