Künstliche Intelligenz stellt die Spielregeln der Bewegtbildproduktion neu auf. Für Sender geht es um weit mehr, als nur um technologische Trends. Es geht um grundlegende strategische Entscheidungen. BR-Intendantin Dr. Katja Wildermuth im Interview mit dem Blog der MEDIENTAGE MÜNCHEN über Qualitätsmaßstäbe, die Zusammenarbeit mit Produktionsfirmen und den Mut, Effizienzargumenten zu widersprechen. Sie gehört zu den Expert:innen des MTM SPECIALS AI & MEDIA am 21. und 22. April 2026 in der HFF München.
Frau Dr. Wildermuth, ein KI-generiertes Video im "heute journal" hat die Debatte um den Einsatz Künstlicher Intelligenz in Redaktionen wieder angefacht. Hätte so eine Panne auch beim BR passieren können?
Wie in allen Bereichen des Lebens lassen sich auch im Journalismus Fehler nie 100-prozentig vermeiden. Unsere Arbeit folgt allen Grundsätzen der journalistischen Sorgfalt. Journalistische Beiträge durchlaufen mehrere klar definierte Abnahme- und Kontrollinstanzen, prinzipiell gilt das Mehr-Augen-Prinzip.
Unsere redaktionellen Abläufe werden permanent überprüft und mit Blick auf neue Herausforderungen angepasst. Falls trotz aller Vorkehrungen einmal ein Fehler passiert, gehen wir transparent damit um.
Was glauben Sie, kann KI den Bewegtbild-Journalismus besser machen oder wird sie ihm eher schaden?
Wenn man KI als Werkzeug begreift und nicht als Ersatz für journalistisches Handwerk und Urteilsvermögen, dann kann sie helfen, etwa beim Sichten von Material, bei Untertitelung oder beim Schnitt – und damit Journalisten Luft schaffen für das, was künftig immer wichtiger wird: Recherche, Einordnung, Hintergründe.
Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss haushalten: Sehen Sie in KI vor allem Einsparpotenzial oder eher eine Möglichkeit, Mittel gezielter in Qualität zu investieren?
KI kann Prozesse günstiger machen, indem sie Standardaufgaben löst. Entscheidend ist aber, wofür wir das freiwerdende Budget einsetzen: zum Beispiel für mehr Recherche und um noch mehr vor Ort sein zu können bei den Menschen in Bayern.
Die rote Linie verläuft dort, wo journalistische Verantwortung beginnt.
Dr. Katja Wildermuth, Bayerischer Rundfunk
In Bezug auf die Bewegtbildproduktion: Welche Arten von Inhalten könnten aus Ihrer Sicht künftig automatisiert produziert werden – und wo ziehen Sie eine klare rote Linie?
Automatisierung hat ihren Platz bei standardisierten, datenbasierten Formaten: Wetter, Verkehr, Börse, Sportstatistiken, Service-Informationen. Die rote Linie verläuft dort, wo journalistische Verantwortung beginnt: bei politischer Einordnung, investigativen Recherchen, Interviews, etcetera.
Wenn alle auf ähnliche Tools und Datenmodelle zurückgreifen – besteht dann nicht die Gefahr einer Standardisierung von Inhalten?
Sollten alle auf dieselben Modelle und Trainingsdaten zugreifen, entstehen ähnliche Bildsprachen, Dramaturgien und Erzählmuster.
Für uns ist deshalb der Trusted Content Pool zentral: ein gemeinsamer Pool journalistisch geprüfter, vertrauenswürdiger Informationen von öffentlich-rechtlichen Medienhäusern, Verlagen und privaten Sendern, die dem Qualitätsjournalismus angehörig sind. KI arbeitet dann auf einer verlässlichen Grundlage, die unserem Auftrag und unseren Werten entspricht.
Wann wird "Made by Humans" für einen öffentlich-rechtlichen Sender zum unverzichtbaren Qualitätsmerkmal?
Vertrauen ist unsere wichtigste Währung, zumal in einer Flut KI-generierter Informationen im Netz. Unsere vielen Korrespondentinnen und Korrespondenten in ganz Bayern sind für uns jeden Tag vor Ort unterwegs, um genau dieses Vertrauen in Inhalte "made by reporter intelligence" zu bewahren.
Wer für uns produziert, verpflichtet sich zu denselben Grundsätzen.
Dr. Katja Wildermuth, Bayerischer Rundfunk
Der BR hat sich früh eigene KI-Regeln auferlegt. Welche gelten auch für externe Produktionsfirmen?
Unsere Standards enden nicht an der Haustür. Wer für uns produziert, verpflichtet sich zu denselben Grundsätzen: Transparenz beim KI-Einsatz, keine Täuschung des Publikums, keine Manipulation von Realität, menschliche redaktionelle Verantwortung.
Welche Kompetenzen müssen Programmverantwortliche künftig mitbringen, um KI-Entscheidungen qualitätsorientiert und nicht nur kostengetrieben zu treffen?
Sie müssen KI nicht programmieren können, aber sie müssen KI verstehen. Konkret heißt das: technologische Grundkenntnis, ethische Urteilskraft, journalistische Erfahrung und den Mut, Effizienzargumenten zu widersprechen, wenn sie Qualität gefährden.
Zur Person:
Dr. Katja Wildermuth (Foto: BR) ist Intendantin des Bayerischen Rundfunks. Außerdem ist sie Mitglied des Executive Board der Europäischen Rundfunkunion (EBU). Vor ihrer Zeit beim BR war sie Programmdirektorin des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) und Kulturchefin des Norddeutschen Rundfunks (NDR).
Wildermuth ist nach einer Hochschulkarriere als Dozentin für Alte Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München zum Journalismus gekommen. Sie hat 1994 als Autorin und Redakteurin beim MDR angefangen und wurde 2004 Leiterin der MDR-Redaktion Geschichte und Gesellschaft.
Das neue MTM SPECIAL AI & MEDIA zu Künstlicher Intelligenz in der Bewegtbild-Branche findet am 21. und 22. April 2026 in der HFF München statt. In Keynotes, Panels und Masterclasses geht es um aktuelle Anwendungen, rechtliche Fragen und neue Perspektiven für den Einsatz von KI in der Medien- und Filmproduktion. Dr. Katja Wildermuth wird über "Future Video: Bot oder Not" sprechen.
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