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Vertrauensverlust: Nachrichtenmedien unter Druck

Geschrieben von Marlene Röhner | 07. September 2026

Unser News-Konsum verschiebt sich: Während sich breite Teile der Gesellschaft zunehmend über Social Media informieren, gerät die redaktionelle Arbeit der klassischen Medien unter Druck. Aktuelle Studien zeigen einen schleichenden Vertrauensverlust und das zeitweise gezielte Vermeiden von Nachrichten. Zwar bleiben etablierte Marken wie die ARD-„Tagesschau“, ZDF-„heute“ sowie Regional- oder Lokalzeitungen diversen Studien zufolge Spitzenreiter im Ranking der News-Quellen. Doch parallel verlieren redaktionelle Medien beim Publikum an Bindung.

 

Ergebnisse aus dem „Social-Media-Atlas 2026" zeigen, dass 43 Prozent der Deutschen Social-Media-Posts glaubwürdiger finden als redaktionelle Nachrichten. Für die repräsentative Studie befragte Toluna im Auftrag von PER Agency in Kooperation mit dem Institut für Management- und Wirtschaftsforschung (IMWF) rund 3600 Internetnutzer:innen ab 16 Jahren. Das entspricht laut der Langzeit-Analyse einem Anstieg um sechs Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr.

Deutlich wird auch, dass das Vertrauensverhältnis eine Altersfrage ist: Bei 20- bis 49-Jährigen liegt der Anteil derer, die eher den Informationen aus dem Netz vertrauen, bei über 50 Prozent.

 

Preis der Algorithmen: Wut schlägt Fakten

Was geschieht, wenn sich jüngere Generationen ihre Informationen vorrangig bei Instagram, Facebook oder TikTok holen? Die Algorithmen der digitalen Plattformen sind darauf optimiert, User bestmöglich zu binden – über Verweildauer, Klicks, Kommentare oder das Teilen der Inhalte. Das passiert vor allem über emotionale Inhalte wie Wut, Schock, Entrüstung oder Angst. Sie aktivieren das Gehirn nachweislich schneller als sachliche Fakten. Deswegen werden sie von Empfehlungssystemen bevorzugt verbreitet. Was in der Folge belohnt wird, ist Reizüberflutung statt Sachlichkeit.

Dass TikTok & Co. Nährboden für Falschinformationen, Polarisierung und Filterblasen sind, ist Nutzenden durchaus bewusst. „57 Prozent der Befragten hatten bereits auf Facebook das Gefühl, dass in Nachrichten die Wahrheit verdreht wird oder die Information nicht stimmt. Auf TikTok sind es 51 Prozent, auf Instagram 45 Prozent“, heißt es in der PER-Studie.

Dennoch entsteht durch die vermeintliche Mensch-zu-Mensch-Kommunikation in den sozialen Netzwerken schnell Vertrauen. Denn die Internetnutzer:innen vertrauen nicht den Plattformen an sich, sondern den Menschen, die dort ihre Inhalte posten. Freunde, Bekannte und Influencer wirken durch Nahaufnahmen, persönliche Einblicke und direkte Sprache nahbarer und authentisch. Das Gehirn der User stuft diese Reize als persönliche Beziehung ein. Einzelne Menschen auf Social Media gelten somit als glaubwürdiger als Unternehmen oder abstrakte Institutionen. Das zeigt auch das Edelman Trust Barometer 2026 (28 Länder, in denen 34.000 Menschen ab 18 Jahren in 30-minütigen Online-Interviews befragt wurden).

"Das Ergebnis, dass im Schnitt vier von zehn Menschen Social-Media-Posts glaubwürdiger finden als redaktionelle Nachrichten, ist aus demokratiepolitischer Sicht alarmierend", erklärt Dr. Roland Heintze, Social-Media-Experte und geschäftsführender Gesellschafter der PER Agency, die hinter dem „Social-Media-Atlas“ steht.

Während Inhalte der klassischen Medien Sorgfaltspflichten und Redaktionsprozessen unterliegen, wird nachrichtlicher Content in den sozialen Netzwerken subjektiv verfasst und ohne Qualitätskontrolle veröffentlicht, gerade wenn Privatpersonen posten. Auch sie haben Einfluss auf die öffentliche Meinung. Ungewiss bleibt oft, aus welchen Quellen sich diese Informationen speisen.

 

Lieber uninformiert als überfordert

Die Masse an Fake News, aggressiver Tonalität, die oft unklare Quellenlage im Netz, aber auch die Menge an negativen Schlagzeilen, hat Folgen. Immer mehr Menschen entscheiden sich aktiv dagegen, sich zu informieren: Laut dem Reuters Institute Digital News Report 2026 liegt der Anteil der Deutschen, die News zeitweise ausblenden, bei 71 Prozent. Dem Bericht zufolge wird dabei vor allem Krisenberichterstattung vermieden. Nur 45 Prozent der Befragten des Reuters Institute geben an, dass sie die meisten Nachrichten für glaubwürdig halten.

Global gesehen ist ein neues Hoch beim Misstrauen in klassische Medien erreicht: Laut Reuters Institute sank das Nachrichtenvertrauen 2026 weltweit auf 37 Prozent bei den Befragten. Das ist der tiefste Stand seit Beginn des Trackings im Jahr 2015.In Deutschland steht das Fundament hingegen vergleichsweise stabil: Hier vertrauen aktuell 46 Prozent der Menschen den News allgemein und 58 Prozent jenen Nachrichtenquellen, die sie selbst bevorzugt nutzen.

 

Systemvertrauen vs. Markenvertrauen

Die Kommunikationswissenschaft erklärt diese Differenz mit generellem Systemvertrauen auf der einen und spezifischem Markenvertrauen auf der anderen Seite: Bei allgemeinen Fragen nach „den Medien“ folgt oft ein pauschales Urteil über die politische Gesamtlage oder die Weltlage. Sobald es jedoch um die eigene, konkrete Mediennutzung im Alltag geht, greifen dieselben Personen nach wie vor auf verlässliche Marken wie die „Tagesschau“ im Ersten zurück.

Dabei entzieht nicht die Gesellschaft an sich den Medien ihr Vertrauen. Im Großen und Ganzen behalten Zeitungen, Fernsehen oder Radio ihre Funktion als verlässliche Informationsquellen. Obwohl klassische Medien in den sozialen Netzwerken präsent sind, um jüngere Zielgruppen zu erreichen, verlieren sie die Kontrolle darüber, wer ihre Beiträge in den Feeds überhaupt noch sieht. Somit dominieren die Algorithmen und emotionale „Mensch-zu-Mensch-Inhalte“ vor allem die Meinungsbildung der nachfolgenden Generationen.

Weiterführende Links:

Presseportal über den Social-Media-Atlas 2026

Edelman Trust Barometer 2026 von Edelman

Digital News Report 2026 des Reuters Institute

Statista-Ranking zum Vertrauen in Nachrichtenmedien

Leibniz-Institut für Medienforschung/Hans-Bredow-Institut über den Digital News Report

 

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