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Wenn die Lüge Wirkung zeigt

Geschrieben von Cathrin Hegner | 04. August 2026

Authentische Videos als Falschinformation zu diskreditieren, kann sich lohnen: Neue Forschung zur „Lügner Dividende“ zeigt, dass Politikern die KI-Ausrede mehr nützen kann als eine Entschuldigung für Fehlverhalten. Die Psychologin Lara Grohmann und ihre Kolleg:innen haben an der Uni Würzburg untersucht, wie Politiker profitieren können, wenn sie Videobeweise als Deepfake abtun.

 
 
Lügen sind so alt wie die Menschheit, und nicht selten profitiert jemand von falschen Behauptungen. Was macht das Thema Lügner Dividende gerade jetzt so spannend?

Lügen an sich sind nichts Neues und auch Bildmanipulation gibt es schon, seit Bilder und Fotos existieren. Was das Thema jetzt aktuell macht, ist die Tatsache, dass die Verbreitung, aber auch die Manipulation von Bildern und Videos zunehmend einfacher und für alle zugänglich geworden ist. Früher war es nur Experten möglich, einen analogen Film zu manipulieren.

Heute kann jeder mit einem KI-Chatbot ein beliebiges Video erstellen. Deshalb ist es vermutlich auch leichter geworden, die Lügner Dividende zu erhalten.

 

Wie genau funktioniert dieses Lügenkonstrukt?


Die US-amerikanischen Rechtsprofessoren Chesney und Citron haben den Begriff Liar’s Dividend 2019 geprägt. Sie beschrieben, dass Personen einen Vorteil daraus ziehen könnten, wenn sie authentisches Beweismaterial als Falschinformation diskreditieren.

Ein Vorteil kann sein, dass das Beweismaterial dadurch weniger glaubwürdig wirkt. Ein weiterer, dass die Person selbst als kompetenter wahrgenommen wird oder mehr Unterstützung erhält.

Die Behauptung, eine wahre Information sei falsch, kann es Lügnern leichter machen, sich aus der Verantwortung zu ziehen.

Lara Grohmann, Uni Würzburg

 

 

Können Sie Beispiele für die Liar’s Dividend nennen?

Der konkrete Vorteil, den jemand aus einer Lüge zieht, ist schwer zu belegen, aber es gibt natürlich einige bekannte Versuche, Wahres zu diskreditieren, um davon zu profitieren.

Eine Reihe stammt von Donald Trump: Als beispielsweise im Wahlkampf um die letzten Präsidentschaftswahlen, Kamala Harris von einer jubelnden Menge auf einem Flughafen begrüßt wurde, behaupteten Trumps Unterstützer, die Bilder seien KI-Fakes.

Es gibt auch Beispiele aus Gerichtsverfahren, in denen Anwälte die so genannte „Deepfake Defense“ versucht haben, etwa in einem Verfahren gegen Tesla sowie im Prozess zum Sturm auf das US-Kapitol.

In Deutschland hat die AfD vor einigen Jahren behauptet, dass authentisches Bildmaterial großer Demos gegen rechts manipuliert sei.

 

Was unterscheidet Ihre Studie von früheren Untersuchungen?

Chesney und Citron haben ein Theoriepaper zur Liar’s Dividend vorgelegt. Die ersten empirischen Untersuchungen stammen von Schiff und Kolleg:innen aus dem Jahr 2025. Sie haben den Vorteil für die Lügner untersucht und konnten anhand von textbasierten Beweisen zeigen, dass Menschen bereit sind, Politiker:innen stärker zu unterstützen, wenn sie echtes Material als fake bezeichnen. Bei den Videobeweisen waren die Ergebnisse damals nicht eindeutig.

Seither haben KI-Fakes im politischen Kontext deutlich zugenommen und die Skepsis der Menschen gegenüber vermeintlichen Bildbeweisen ist vermutlich größer geworden. Das hat uns dazu bewegt, die Lügner Dividende auf Basis von Videomaterial noch einmal zu untersuchen.

 

Mit dem überraschenden Ergebnis, dass die KI-Lüge besser funktioniert als sich für ein Fehlverhalten zu entschuldigen.

Genau. Das wichtigste Ergebnis ist die Lügner Dividende, die wir gefunden haben: Wenn Politiker falsche Deepfake-Behauptungen anstatt einer Entschuldigung vorgebracht haben, wurden sie von den Proband:innen als führungskompetenter wahrgenommen.

 

Wie haben Sie das herausgefunden?

Wir haben den Versuchspersonen authentische Videos von US-Politikern gezeigt, denen vorgeworfen wurde, sie hätten im Parlament undeutlich gesprochen, weil sie bei ihren Auftritten betrunken gewesen seien. Danach haben sie dann entweder ein Statement des jeweiligen Politikers gesehen, in dem er behauptet hat, dass dies ein Deepfake sei, oder ein Statement, in dem sich der Politiker für sein Fehlverhalten entschuldigt hat.

Im Anschluss haben wir gemessen, wie die Proband:innen die Führungskompetenz des jeweiligen Politikers einschätzen, ob sie denken, das Video sei technisch manipuliert und inwieweit sie den Medien allgemein vertrauen.

 

Was kam dabei noch heraus?

Wir konnten zeigen, dass Leute, die die Deepfake-Behauptung gesehen haben, eher glaubten, dass das Video technisch manipuliert war. Offenbar hat die Lüge auch ihre Wahrnehmung des Videos verändert.

In Bezug auf das Vertrauen in die Medien zeigten sich in unserer Studie keine Unterschiede zwischen der Deepfake-Behauptung und der Entschuldigung.

Lara Grohmann, Uni Würzburg


Wir wollen in Zukunft untersuchen, welche Faktoren neben der Behauptung, der Skandal – also zum Beispiel das Betrunkensein im Parlament – habe nie stattgefunden, erklären können, warum der Politiker einen Vorteil daraus zieht. In unseren Ergebnissen hat sich gezeigt, dass die erhöhte Wahrnehmung von technischer Manipulation als Erklärung für die Dividende nicht ausreicht.

Auch in Bezug auf Donald Trump kann man sich als Beobachter fragen, ob die Leute wirklich seinen Fake-News-Behauptungen glauben oder ob da noch etwas anderes passiert. Wir müssen weitere Kontextfaktoren untersuchen, zum Beispiel, ob die Politiker zuvor bekannt waren, welche Meinungen zu ihnen existieren und welche politischen Einstellungen.

 

Generationen von Eltern haben versucht, ihren Kindern beizubringen, dass man mit der Wahrheit am besten fährt. Woran kann es liegen, dass die Deepfake-Ausrede mittlerweile besser ankommt als eine Entschuldigung?

Ich weiß nicht, ob das „mittlerweile“ so ist. Ich denke, es kommt auf den Kontext an. Wenn man keine andere Außeninformation hat, ob ein Fehlverhalten wirklich passiert ist oder nicht, verlässt man sich vermutlich eher auf eine Leugnung.

Da in Bezug auf KI-generierte Videoinhalte in den sozialen Medien Verunsicherung herrscht, kann es sein, dass man in bestimmten Situationen eher bereit ist, der Deepfake-Behauptung zu glauben. Sie bietet zumindest für den Moment Orientierung und eine Chance, Verunsicherung durch Heuristiken aufzulösen.

Eine Entschuldigung bedeutet ja auch, dass der Skandal wirklich stattgefunden hat, und das wiederum kann Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Führungskompetenz haben. Allerdings muss man auch dazu sagen, dass Menschen solchen Videos und Deepfake-Behauptungen selten kontextlos begegnen.

 

Sind die Menschen der Manipulation durch die Lügner Dividende schutzlos ausgeliefert?

Das denke ich nicht. Es gibt viel Forschung dazu, wie man mit Fake News besser umgehen kann. So genannte Inoculations – Impfungen gegen typische Falschinformationsstrategien – scheinen wirksam zu sein. Diese Ansätze lassen sich auf die Lügner Dividende übertragen, denn letztendlich ist eine falsche Deepfake-Behauptung nichts anderes als eine Falschinformation.

Wir müssen die Menschen darüber aufklären, wie sie wahres von falschem Bild- und Videomaterial unterscheiden können, wie die Lügner Dividende funktioniert und wer Interesse daran haben kann, Wahres als Deepfake zu diskreditieren.

 

Zur Person:

Die Psychologin Lara Grohmann (Foto: privat) forscht am Lehrstuhl für Kommunikationspsychologie und Neue Medien der Universität Würzburg zu Einflüssen auf die menschliche Informationsverarbeitung. Gemeinsam mit Franziska A. Halle und Prof. Markus Appel hat sie im März 2026 die Studie „Deepfake! A Liar’s Dividend for Audiovisual Media“ in der Fachzeitschrift „Psychology of Popular Media” veröffentlicht. Das Kernergebnis: Politiker können davon profitieren, wenn sie echte Videos als Deepfake bezeichnen, anstatt sich für den Videoinhalt zu entschuldigen. Diesen Vorteil bezeichnet man als Lügner Dividende. Früher galten Videos und Bilder als besonders sichere Beweise. Das Vertrauen in den Bildbeweis wird durch die Verbreitung und Professionalisierung von KI-generierten Deepfakes zunehmend erschüttert. Die Studie basiert auf einem Experiment mit 182 Proband:innen.

 

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