Mit "Schaumkronendebatten“ rechnet Professorin Alena Buyx beim Kaminabend des Verlegerverbands MVFP ab. Sie würden Medien, Menschen und Gesellschaft viel Zeit und Kraft kosten, Wut schüren. Die ehemalige Ethikrats-Vorsitzende warnt: "Ich habe Angst davor, was nach der Wut kommt." In München hat sie über das "Dromedar Deutschland" im Gegensatz zum "Kamel USA" gesprochen – und warum Fakten allein nicht überzeugen. Ihr Appell an Medien: Stärkt das demokratische Fundament mit konstruktiven Geschichten!
Ist Deutschland an einem Punkt, an dem wir über "Spaltung der Gesellschaft“ sprechen müssen? "Noch nicht", wenn es nach Alena Buyx geht. Mit einem anschaulichen Bild des Sozialwissenschaftlers Steffen Mau ("Triggerpunkte“) illustrierte die Professorin für Ethik der Medizin und der Gesundheitstechnologien an der TU München im Gespräch mit der Journalistin Tanit Koch den Unterschied zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten: "Die USA sind ein Kamel. Zwei Höcker und dazwischen verläuft ein tiefer weltanschaulicher Graben." Dort verstünden die beiden Lager unter Grundbegriffen wie Freiheit völlig Verschiedenes.
"Deutschland ist kein Kamel, Deutschland ist ein Dromedar", betonte Buyx im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Medienverbands der Freien Presse (MVFP). Es gebe noch ein relativ gutes Fundament gesellschaftlichen Konsenses. Buyx: "Wenn Sie tief bohren, stellen Sie fest: Die Leute geben relativ ähnliche Antworten." Das Problem: "Bei uns sind die Ränder weg und werden größer."
Einen wesentlichen Grund für die schlechte Stimmung im Land sieht die Wissenschaftlerin in "Schaumkronendebatten". Gemeint sind Wutthemen – oft aus den USA importiert –, die aus ihrer Sicht unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit bekommen würden. Als Beispiel führte Alena Buyx Trans-Diskussionen an. Dabei hätten sich hierzulande seit Einführung des diversen Geschlechts nur "0,0018 Prozent der Bevölkerung" divers registriert. "Das sind Debatten, die Zeit und Kraft kosten", kritisierte Buyx. Sie würden davon ablenken, "dass wir eigentlich ein super leistungsfähiges Land sind“. An die Politik gerichtet, empfahl die Professorin: "Geht nicht in die Kulturkämpfe. Die sind amerikanisch."
Alena Buyx lenkte den Blick in der Diskussion auf das Wesentliche: die Werte der Verfassung, unsere Grundgesetzes – Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit. Sie würden Zusammenhalt bieten. Aber man müsse darum kämpfen, aktiv daran arbeiten, machte sie deutlich. "Es steht in der Verfassung, dass wir um sie ringen müssen. Das ist es, was eine reife Demokratie ausmacht."
Eindringlich warnte Buyx vor dem Niedergang von Vereinen, Dorfkneipen und weiteren Orten des Austauschs. "Dieser zivilgesellschaftliche Raum ist essenziell für unsere Demokratie", betonte sie. Wo dieser Raum zusammenbreche, würden rechte Gesinnungen Platz finden. Die Gründe für Wahlerfolge rechter Parteien seien vielfältig, aber: "Wo alles weg ist, machen sie ihren Wahlstand auf."
Ihr Appell an Menschen und Medien: "Ich wünsche mir eine Besinnung darauf, wie viel positives Potenzial in diesem ganzen zivilgesellschaftlichen Engagement steckt."
An Medienschaffende richtete Buyx konkrete Empfehlungen. "Ich wünsche mir mehr Geschichten über positive Dinge, über das, was funktioniert.“ Zwänge in der Berichterstattung seien ihr bewusst: "Ich weiß, die Algorithmen sind so geschaltet, dass das Negative klickt." Doch auch Positives gehe "durch die Decke" wie negative Nachrichten. Als Beispiel nannte sie Geschichten über die Freiwillige Feuerwehr, die Kindern helfen. "Der Algorithmus präferiert das, was ich selbst will."
Ihre Botschaft: Medien sollten nicht nur auf Kulturkämpfe fokussieren, sondern auch über funktionierende zivilgesellschaftliche Strukturen berichten; das stärke das demokratische Fundament.
Buyx' eindringlichste Warnung während des MVFP-Kaminabends: "Ich habe Angst davor, was nach der Wut kommt." Die Wut werde aus unterschiedlichsten Interessen befördert. Sie wolle sich dem nicht anschließen. Alena Buyx: "Ich wünsche mir mehr Resilienz gegenüber diesen kurzflammigen Gefühlen."
Zum Abschluss teilte die Wissenschaftlerin eine zentrale Erkenntnis: "Man überzeugt nicht mit Fakten. Das geht nur in der Wissenschaft. Man überzeugt die Menschen mit Emotion, Gespräch, Gemeinsamkeit." Sie selbst habe in der Zeit an der Spitze des Ethikrats, die mitten in die Corona-Pandemie fiel, lernen müssen: "Man muss Probleme erst auf menschlicher Ebene klären. Dann kann man Fakten nachlegen. Auch Begeistern gelingt über das menschliche Gespräch."
Gerade junge Menschen könnten über Podcasts und diese spezielle Form von "parasozialen Beziehungen“ in den demokratiefördernden Diskurs einbezogen werden, indem Nähe zu den Berichtenden entsteht. Alena Buyx: "Da kriegst Du die Leute!"
Horst Ohligschläger, Vorsitzender des MVFP Bayern (Foto: MVFPBayern/ Christian Rudnick)
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