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Diskurs und Vielfalt fördern

9. Dezember 2021

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Diskurse über gesellschaftlich relevante Themen scheitern in vielen Ländern offenkundig am Unvermögen oder dem fehlenden Willen zu konstruktiven Dialogen zwischen einzelnen Menschen und Gruppen.
Ein Projekt, das weltweit Andersdenkende zusammenbringen will, wurde im Rahmen der MEDIENTAGE MÜNCHEN 2021 vorgestellt. Deutlich wurde außerdem, dass Sprache und neue Narrative die Medien vielfältiger und besser machen können.

Spätestens mit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA und dem Votum Großbritanniens, aus der EU auszutreten, hatten sich Redakteur:innen der ZEIT gefragt, wie es gelingen könne, Menschen und ihre Positionen wieder zu verbinden und davon zu überzeugen, sich über ihre Meinungen sachlich auszutauschen. 2017 startete der Hamburger Verlag erste Versuche, eine „Partner-Börse im politischen Raum“ zu etablieren, wie Hanna Israel (Foto oben), Journalistin und Leiterin „My Country Talks“ von ZEIT Online, bei den #MTM21 berichtete. Das „Tinder für Politik“ geht seither auf die Suche nach konstruktiven Dialogen und bringt weltweit Andersdenkende zusammen.

Schnell wurde damals deutlich, dass es Gesprächsbedarf unter den Menschen gibt: „Wir hatten unsere Leser:innen aufgerufen, sich für dieses Dialogformat anzumelden und wurden mit über 12.000 Zusagen förmlich überrannt“, so Hanna Israel.

Und so ist das Projekt „My Country Talks“ weiter aufgebaut:

  • In einem nächsten Schritt sollten die Interessent:innen einen Fragebogen ausfüllen, auf dessen Basis sie die aus ihrer Sicht relevanten gesellschaftlichen Themen auflisteten. Dieser Fragenkatalog reiche von der Position zur Legalisierung von Cannabis über Meinungen zur Zukunft des Verbrennungsmotors bis zu weltpolitischen Problemen wie der Flüchtlingsfrage, sagte Israel.
  • Eine eigens programmierte Matching-Software wählt anschließend aufgrund der Beantwortung dieser Fragen ein Gesprächspaar aus, das dann selbst entscheidet, ob es sich auf den Dialog tatsächlich einlassen will.
  • Die Gespräche finden in der Regel unbeobachtet und – Pandemie-bedingt – online statt. In einigen Fällen bittet der Verlag um Erlaubnis, an diesen Zweiergesprächen teilnehmen und die Inhalte anschließend journalistisch aufbereiten zu dürfen.
  • 80 Prozent der Teilnehmenden hätten angegeben, zufrieden mit dem Verlauf ihrer Gespräche gewesen zu sein. Weitere 55 Prozent hätten nach einem Gespräch erkannt, dass es mehr als nur ihre eigene Wahrheit gebe und man andere Positionen zunächst kennen müsse, um sie verstehen zu können

Enorme Resonanz und Teilhabe bei My Country Talks

Laut Hanna Israel erreicht „My Country Talks“ inzwischen mehr als 200.000 Menschen, 40.000 Gesprächspaare aus 33 Ländern seien gebildet worden. Nach der erfolgreichen Einführung in Deutschland hätten bald auch Länder wie Österreich, Italien, aber auch die Ukraine, Thailand und die USA Interesse am Projekt geäußert, sodass man jetzt das Format „Europe Talks“ eingeführt habe und mit „World Talks“ demnächst ein weltweites Angebot schaffen werde. „Umgekehrt funktioniert das System auch auf lokaler Ebene“, betonte Israel.

Die ZEIT wirbt weltweit für Medienpartnerschaften. Verlage könnten das Know-how und die spezielle Matching-Software kostenfrei nutzen und damit in verschiedenen Ländern ähnliche Projekte umsetzen, betonte die ZEIT-Mitarbeiterin. Wünschenswert wäre es dann, dass aus diesen Gesprächen vielfältige journalistische Formate entstünden, um die Diskussionskultur weltweit zu befruchten und gleichzeitig die Qualität redaktioneller Inhalte durch authentische und zivilgesellschaftlich bedeutende Themen weiter zu steigern.

„My Country Talks“ wird unter der Leitung von Prof. Dr. Armin Falk von der Universität Bonn wissenschaftlich begleitet. Für das ZEIT-Team wurde dadurch deutlich, dass die Empathiefähigkeit der Teilnehmenden wächst und bestehende Stereotype reduziert werden, wie Hanna Israel ausführte. Das seien Faktoren, die zu einem stärkeren Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft führen könnten.

Problematisch sei im Moment noch, dass sich an den Dialogen zu einem überwiegenden Teil ältere Männer beteiligen würden, räumte Hanna Israel ein. Möglicherweise sei ein Grund hierfür, dass sich die Personen in diesen Gesprächen „angreifbar“ machen würden, wenn sie offen ihre Positionen artikulierten und erklärten. „Frauen sind in einem solchen Setting vorsichtiger und zurückhaltender“, erklärte Hanna Israel.

Der Mitschnitt der Präsentation: 

 

 

Qualität von redaktioneller Arbeit neu definieren

Vor allem ältere Männer sind bereit für den Diskurs, wie Hanna Israel bedauerte. Könnte auch hier mehr Vielfalt auf allen Seiten eine Lösung sein? Eine Sprache, die mehr Menschen gerecht wird, und neue Narrative, die vermitteln und inspirieren statt zu spalten?

Für Dr. Emilia Roig, Gründerin des Centers for Intersectional Justice (CIJ) e. V., und Jonas Karpa, Redakteur für Sozialhelden e.V., stand bei einer Medientage-Diskussion Diversität im Mittelpunkt. Sie forderten gesetzliche Regelungen für mehr Vielfalt in den Redaktionen und in den Führungsetagen von Medienhäusern. Emilia Roig und Jonas Karpa waren sich einig, dass die Qualität von redaktioneller Arbeit neu definiert werden müsse, nämlich über das Narrativ: „Vielfalt in Redaktionen erhöht die Qualität der redaktionellen Arbeit.“

Karpa leitet bei Sozialhelden e.V. das Portal Leidmedien.de, das Tipps für Journalist:innen gibt, die über Menschen mit Behinderung „auf Augenhöhe“ berichten und dadurch „klischeehafte Sprache“ vermeiden wollen. „Menschen mit Behinderung wollen keine Sonderrolle, sondern als Persönlichkeiten anerkannt werden, die nicht als Gruppe unter sich bleiben möchte“, erklärte er.

Roig engagiert sich mit ihrer Organisation CIJ für Lobbyarbeit und politikorientierte Forschung, um die Antidiskriminierungs- und Gleichstellungspolitik inklusiver zu gestalten. Sie beklagte, dass die Zusammensetzung des Personals in den Führungsetagen von Medienhäusern „zu homogen“ sei. Das Bewusstsein für „Intersektionalität“ sei dort noch nicht angekommen. Das müsse sich ändern.

Das Konzept der Intersektionalität beschreibt die Art und Weise, wie sich Ungleichheitssysteme auf der Grundlage von Geschlecht, Rasse, Ethnizität, sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität, Behinderung, Klasse und anderen Formen der Diskriminierung „überschneiden“, um einzigartige Dynamiken und Wirkungen zu erzeugen. Roigs Fazit: „Institutionen müssen sich ändern, auch die Politik. Wir benötigen Veränderungen auf systemischen und auf institutionellem Niveau.“

Hier das Gespräch mit Roig und Karpa im Rahmen der Medientage: 

 

 


Die Zusammenfassungen vieler Sessions der 35. MEDIENTAGE MÜNCHEN sowie Bildmaterial stehen in der Mediathek der Medientage-Homepage und im Blog der Medientage bereit. Die Medienthemen können auch gehört werden: im Podcast der Medientage München.

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