Bei Jetzt.at läuft vieles anders: Inhalte, Finanzierung, Workflows – und die Rolle der Redaktion. Gefragt ist ein neues Skill Set aus Text, Audio und Dialog. Das Ziel: entschleunigter, relevanter Journalismus, der auf Bindung statt Reichweite setzt. Was das Startup von etablierten Medien unterscheidet und wie es ein neues Berufsbild prägt.
Der Zustand der österreichischen Medien bietet Anlass zur Sorge. Zumindest, wenn es nach dem österreichischen Medienunternehmer Florian Novak geht.
„Um einen Beitrag zu öffentlicher Debatte und gesellschaftlichem Zusammenhalt zu leisten, braucht es einen Journalismus, der aufdeckt, erklärt und zusammenbringt“, schrieb Novak kürzlich in einem Memo. Weil die Unabhängigkeit des Journalismus angesichts der hohen Förderabhängigkeit weiter wanken könnte, hat er im November letzten Jahres das Onlinemedium Jetzt.at gestartet.
Vorbild ist ein Medium aus Dänemark
Es setzt auf eine Mischung aus Essay-Journalismus und Nachrichten – und will damit bewusst einen Gegenpol zum Clickbait-getriebenen Medienbetrieb schaffen. Angelehnt ist das österreichische Medium an das Konzept von Zetland aus Dänemark: Ein App-fokussiertes Online-Medium, das einmal am Tag einen Morgenüberblick, ein Longread und ein Thema des Tages liefert und bei dem die Nutzenden wählen können, ob sie die Stücke lieber lesen oder als Podcast hören.
Finanziert wird das österreichische Angebot durch Mitgliederbeiträge. Für einen Jahresbeitrag von 189 Euro oder einem Monatsbeitrag verschickt jetzt.at werktäglich um 6.30 Uhr den Morgenüberblick, um 16 Uhr die so genannte B-Seite, bei der die Redaktion gemeinsam mit einem Experten oder einer Expertin das Thema des Tages noch einmal von einer anderen Seite beleuchtet. Dazu erhalten die Mitglieder täglich ein längeres Stück. Samstag und Sonntag werden nicht bespielt.
Das Startup will kein Nachrichtenticker und auch kein Empörungsmedium sein. „Relevanz statt Reizüberflutung“, lautet hier das Motto. Die höhere Taktung überlässt es anderen Medien, die größer sind. „Es geht nicht darum, auf alles sofort zu reagieren, sondern das Wichtige einzuordnen. Nachrichten zu kuratieren und Journalismus mit Haltung zu machen“, sagt Michalis Pantelouris (Foto: Philipp Horak, Jetzt), der den Titel „Stories Editor" trägt.
Ein Board of Editors leitet die Redaktion
Die zwölfköpfige Redaktion, die großteils aus Deutschland kommt, sitzt im vierten Stock des ehemaligen ORF-Funkhauses – einer früheren Audio-Institution mit historischem Ambiente.
Neben Michalis Pantelouris, der für die täglichen großen Geschichten verantwortlich zeichnet, gibt es drei weitere Board-Mitglieder: Ingo Hasewend koordiniert als Managing Director den Morgenüberblick und die B-Seite. Katharina Ressl stellt als Audio Editor die Qualiät der Hör-Beiträge sicher und die Ex-Gründungs-Chefredakteurin Hatice Akyün, die aus privaten Gründen nach Berlin zurückgegangen ist, liefert als Editor at Large von Berlin aus als Autorin Geschichten zu.
Jedes Redaktionsmitglied muss für seine Themen kämpfen
Für den Morgenüberblick und das tagesaktuelle Geschehen arbeitet Jetzt mit Agenturen zusammen, nutzt ein Netzwerk von Korrespondent:innen und hat für Österreich eine exklusive Kooperation mit dem US-Magazin The Atlantic. Die Texte werden von Menschen, ohne Einsatz von KI, übersetzt und im Haus vertont.
„Für uns ist es ein Alleinstellungsmerkmal, das unser Journalismus spür- und hörbar von Menschen gemacht wird, und nicht von künstlicher Intelligenz“, sagt Pantelouris, der auch Buchautor und Chefredakteur der Zeitschrift Max (erscheint zweimal im Jahr) ist und unter anderem für das SZ-Magazin sowie GEO tätig war.
Bei der Vielzahl an Themen, die das Nachrichtengeschehen weltweit bietet, und dem Anspruch, die Leserschaft bewusst nicht zu überfrachten, legt die Redaktion strenge Auswahlkriterien an. „Wir stellen uns bei jedem Thema drei Fragen“, sagt Pantelouris.
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Erstens: Betrifft es viele Menschen oder zeigt es etwas Grundsätzliches?
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Zweitens: Können wir mehr bieten als eine reine Meldung?
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Drittens: Wird das Thema in einer Woche noch relevant sein?
Erst wenn mindestens zwei davon mit ‚ja‘ zu beantworten sind, wird sie gemacht.
Bei Jetzt.at wächst eine neue Generation von Journalist:innen heran
Auch was den Workflow angeht, wird in Wien nach anderen Regeln gespielt. In klassischen Redaktionen schreiben die Journalist:innen ihre Texte und geben sie ab; ihre Arbeit ist damit erledigt. Bei JETZT vertonen sie ihre Geschichten zusätzlich, eine Trennung zwischen Text-Redaktion und Audio gibt es nicht.
Das wirkt sich auch auf die Skills aus, die Mitarbeitende mitbringen müssen. „Wir stellen nur Journalist:innen ein, die auch mit Audio arbeiten können und wollen“, sagt der Stories Editor. Bei der Vertonung versuche das Team ganz bewusst, wie Menschen zu klingen, nicht wie ein Medium. „Außerdem lernen unsere Mitglieder so die Menschen hinter dem Mikro kennen, das schafft eine Beziehung“, sagt Pantelouris.
Auch das Publikum kommt auf den Geschmack: Während die Mitglieder zum Start 70 Prozent der Geschichten gelesen und 30 Prozent gehört haben, hat sich das Verhältnis inzwischen gedreht.
Jetzt.at will die Debattenkultur in Österreich verbessern
Neben dem Anspruch „Relevanz statt Reizüberflutung“, Journalismus mit Haltung und dem Audio-Fokus gibt es ein weiteres zentrales Element: die Nähe zur Leserschaft. Als unabhängiges Medium will jetzt.at einen Ort des Austausches schaffen. „Wir etablieren einen Raum und eine Diskussionskultur, in der mit offenem Visier und mit Klarnamen debattiert werden kann“, betont Michalis Pantelouris. Für viele im Redaktions-Team war auch das neu. Dass der Austausch mit der Community Teil der Arbeit ist, auch das wird jedem Redaktionsmitglied bereits vor Vertragsabschluss vermittelt.
Werbung gibt es bei dem jungen Onlinemedium nicht. Die Erlöse stammen beinah ausschließlich aus Mitgliederbeiträgen. Zum Start zählte die Plattform rund 5.000 Mitglieder, heute sind es 5.500. „Wir müssen weiter wachsen“, sagt Pantelouris.
Deshalb läuft seit Mitte Juni eine neue Kampagne, die für das Medium trommeln soll. „Um unsere Ziele, darunter auch eine Berichterstattung am Wochenende sowie eine vernünftige Personalstärke, brauchen wir idealerweise 10.000 Mitglieder“.
Auch wenn die MTM als Konferenz bis zum 21. Oktober 2026 pausieren: Wir bleiben präsent! Die Zusammenfassungen wichtiger Panel-Diskussionen sowie Bildmaterial der 39. MEDIENTAGE MÜNCHEN stehen im Info-Bereich der MEDIENTAGE-Homepage und auch im MTM-Blog bereit. Bilder für den Download (Quelle: Medien.Bayern GmbH/MEDIENTAGE MÜNCHEN) sind in der Mediathek zu finden.

Zudem können zahlreiche MTM-Themen gehört werden: im Podcast "This is Media NOW".



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