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Diversität in Medien muss zur Normalität werden

15. Juli 2020

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Wie kann Diversität zum selbstverständlichen Wert redaktioneller Arbeit werden? Diese Frage stand im Mittelpunkt der dritten Ausgabe der #MTMdigitalks, der Online-Reihe der Medientage München. Längst sind Medieninhalte wie auch deren Anbieter selbst Teil der Diskussion um strukturellen Rassismus geworden.

Mit dem gewaltsamen Tod des US-Amerikaners George Floyd hat auch in Deutschland eine weitreichende Debatte zum Umgang mit offenem und verstecktem Rassismus begonnen. Den Medien kam und kommt dabei eine besondere Rolle zu, die weit über eine aktuelle Berichterstattung hinausgeht: Sie prägen die Gesellschaft, das Denken, den Umgang miteinander.

Doch noch hapert es in den meisten Redaktionen an Mitarbeiter*innen, die divers denken und gendersensibel berichten – so der Tenor der dritten Livestream-Ausgabe der #MTMdigitalks zum Thema "Relevanz braucht Haltung – Die Medien und die Rassismus-Debatte". 

 

Wo stehen wir und wo müssen wir ansetzen?

Sheila Mysorekar, Vorsitzende der Neuen deutschen Medienmacher*innen und Beraterin für gendersensible Medien, hat dazu eine klare Meinung: Bestimmte Themen und Menschen kommen aktuell in den Medien nur in Zusammenhang mit Problemen vor. Daraus folgt eine verzerrte Wahrnehmung. Eine umfassendere Berichterstattung wäre für den Journalismus und die Menschen besser, so Mysorekar.

Sie vergleicht die Forderung, mehr Diversität in die Medienarbeit zu bringen, mit dem Umgang mit Frauen. Sie hätten mehr als 30 Jahre gebraucht, um in Redaktionen jenseits von soften Themen auch über Wirtschaft oder Politik berichten zu können. Doch Shiela Mysorekar. gibt sich optimistisch: „Corona zeigt – der Journalismus kann sich in kurzer Zeit komplexe Themen aneignen“, so die Neue deutsche Medienmacherin. Sie empfiehlt Redaktionen, sich in Diversität zu üben – auch um zukunftsfähig zu bleiben.

Mysorekar: "Es ist kein guter Journalismus, wenn 25 Prozent der Menschen in der Berichterstattung ausgeklammert werden.“ Mehr noch: Die Darstellung von Stereotypen bedeute eine Gefährdung des sozialen Friedens.

 

Wirtschaftliche Vorteile durch Diversität in der Berichterstattung

Im demografischen Wandel sei es essenziell, den schwindenden klassischen Lesergruppen mit neuen "Minderheitenthemen" neue Zielgruppen hinzuzufügen, betont auch Dunja Ramadan. Der Redakteurin der Süddeutschen Zeitung ist beim #MTMdigitalk wichtig, dass sich vor allem junge Menschen mit diversen Themen sehr interessiert auseinandersetzen. Mit spannenden Geschichten, guten Inhalten und Videoformaten könnten gerade sie erreicht werden. Dafür müsse nicht die Sprache verändert werden.  

Ihre These:

Betroffenheitsjournalismus alleine bringt die Medien auf jeden Fall nicht weiter, findet Ciani-Sophia Hoeder. Sie hat RosaMag gegründet, ein Magazin über „Sichtweisen schwarzer Frauen in Deutschland“, wie sie bei der Videokonferenz der Medientage berichtet.

Sie reibt sich an den „kleinen Anekdoten des Rassismus als journalistisches Mittel, um über das jahrhundertealte Problem zu berichten“. Darunter fällt die omnipräsente Aussage „Kolumbus hat Amerika entdeckt“ – einen zu der Zeit bereits vielfältig besiedelten Kontinent. Das sei eine „eurozentrische Sichtweise“, wie Hoeder findet, ein Blickwinkel, mit dem Deutsche in der Regel aufwachsen würden. „Vieles ist gelernt“, berichtet die RosaMag-Macherin. Daher sei es sehr wichtig für Medien, mehrere Facetten zu beleuchten.

 

Die Welt ist offen für diverse Inhalte

Für Diversität als neue Normalität kämpft auch der Schauspieler Tyron Ricketts, der mit diesem Ziel vor Augen die Produktionsfirma Panthertainment gegründet hat. Der Unternehmer, der inzwischen mit der Produktionsgröße UFA partnert, wollte in seinen Rollen im TV nicht immer nur den „Anderen“ darstellen. „Ich wollte selbst Teil der Erzählung werden.“

Zudem habe sich der Markt verändert, der weltweite Streaming-Boom und die bunte Demografie der Netflix-Nutzer erforderten andere Inhalte. „Es muss häufiger vorkommen, dass Diversität im Erzählen zur Normalität wird“, so Ricketts Forderung. Sein Ansatz bei Panthertainment: Peole of Color als Hauptdarsteller einsetzen und als Subjekt darstellen, nicht als Objekt.

Klar ist beim #MTMdigitalk schnell, dass diverse Themen diverse Verfasser brauchen. Woher nehmen?

Hadija Haruna-Oelker, Autorin, Moderatorin und Redakteurin vor allem für den hr, sieht das Management in der Pflicht. „Langfristig muss man Redaktionen neu briefen“, betont sie. Von unten ein Haus verändern – das sei Führungsaufgabe, doch an dieser Struktur mangele es oft in Deutschland. „Ich kann mich im ersten Schritt selbst für das Thema sensibilisieren“, rät Haruna-Oelker. „Ein Diversity-Konzept heißt oft, erst einmal zu wissen, was Diversity bedeutet.“

Sie wirbt zudem für ein größeres „intersektionales Verständnis“ in Medienhäusern, um in den Redaktionen und im journalistischen Output „verschiedene Lebenswirklichkeiten zu verschränken“ und viele Minderheiten angemessen zu Wort kommen zu lassen. „Mehr Vielfalt in den Medien – da können wir mehr Meinungspluralismus erwarten. Gerade jetzt ein wichtiges Anliegen, vor allem für die Öffentlich-Rechtlichen.“   

digitalk-4errundeReger Austausch zwischen Jim Sengl, Christine Horz (l.), Hadija Haruna-Oelker und Wakila Ajagbe (Foto: Screenshot). 

Noch einen weiteren Aspekt spricht Hadija Haruna-Oelker an: Die Herkunft, das Aussehen vieler Menschen werde oft auf die berufliche Kompetenz und Neutralität übertragen. „Das Problem entsteht im Kopf!“, so die Autorin, die auch People of Color zum Umdenken animiert, um mit mehr Selbstvertrauen aufzutreten.

 
"Immer noch viel zu wenige People of Color in den Medien"

Und ja – es lohnt, Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander arbeiten zu lassen. Für Wakila Ajagbe, Redakteurin im ProSieben-Team des Magazins „red.“, erweist sich ihre Sichtweise oft hilfreich bei der Arbeit, da Themen im Boulevard sehr divers seien. Sie als Kollegin mit Migrationshintergrund habe einfach andere Blickwinkel auf Themen.

Daneben regt Ajagbe an, dass junge Journalist*innen mit Migrationshintergrund selbstbewusster sein sollten: „Da müssen auch wir People of Color umschwenken im Denken – ich bin gut genug für den Job!“ Dass auch sie etwas bewegt hat, zeigt die Resonanz aus dem Netz, wo die „red.“-Redakteurin als Bloggerin aktiv ist und jungen Frauen, die in den Journalismus einsteigen wollen, Tipps für den Berufsstart geben an.

Ihr Wunsch? Mehr diverse Kolleg*innen, auch wenn sie sich bei ProSieben gut aufgehoben fühlt. „Es sind immer noch viel zu wenige People of Color in den Medien.“

 

Muss eine Quote her für mehr Diversität?

Für Christine Horz, Professorin am Lehrstuhl Transkulturelle Medienkommunikation der TH Köln, hat die öffentlich-rechtliche BBC in Großbritannien den richtigen Weg beschritten. Die Sendeanstalt hat 2016 eine Quote eingeführt, die sich am Bevölkerungsspiegel orientiert. Will heißen: Bei 15 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund im Land muss auch mindestens jeder Sechste in der Sendeanstalt einen interkulturellen Hintergrund aufweisen. Künftig solle dieses BBC-Regel auch für die Entscheiderebene gelten, lobt die Wissenschaftlerin, die zum Thema eine Studie durchgeführt hat.

Sie macht deutlich, dass die Führungsebene in Medienunternehmen für mehr Diversität „strategisch und strukturell“ handeln müsse. „Unsere Gesellschaft ist hochdynamisch und hochdivers. Es funktioniert nicht mehr so, wie man es vor 60 Jahren gemacht hat. Die Gesellschaft hat sich massiv verändert“, betont Christine Horz. Darauf müssten sich Medien mit Blick auf Zukunftsfähigkeit ausrichten. „Wir wollen doch, dass die Qualitätsmedien bewegen!“

Eine bestimmte Quotierung als Übergangslösung wäre auch hierzulande wichtig, um diverser zu werden, rät die Professorin. Sie hat für Deutschland bisher nur bei rund 6 Prozent der Chefredakteur*innen einen Migrationshintergrund ausgemacht.    

 

Diversität schafft neue Themen und Zielgruppen 

Es gibt sie, die Nachrichten mit dem Diversity-Ansatz, die einen Blick in Regionen werfen, die klassische Medien eher ausklammern. Dazu zählt der Newsletter what happened last week. Gründerin Sham Jaff wirft damit einmal pro Woche ein Schlaglicht auf die oft Vergessenen. Bei den MTMdigitalks äußert sie die Hoffnung, dass sich Leser*innen mehr mit diesen Gegenden beschäftigen. Jaff will „Fakten und Vorurteile über Menschen, Regionen und Religionen hinterfragen.“ Und: „Ich will das Bild der Welt immer wieder neu an die Realität anpassen.“          

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Moderator Jim Sengl vom MedienNetzwerk Bayern im Gespräch mit Sham Jaff (Foto: Screenshot)

Gerade die Corona-Pandemie ist in Sachen Diversity für Franziska Müller von der Ahé „sehr lehrreich“ gewesen. Die Chefin der Werbeagentur Glutamat bilanziert: „Jeder hat in den vergangenen Monaten erfahren, dass man nicht alles richtig machen kann.“ Sie besteht daher in ihrer Agentur und auch bei ihren Kunden auf Dialogbereitschaft – um Vorbehalte auszuräumen, um transparent zu arbeiten, um Klischées nicht einreißen zu lassen. „Die Aussage ‚Wir sind gegen Rassismus“ – das reicht uns nicht!“

Franziska Müller von der Ahé macht sich für eine ordentliche Bezahlung von Werbetestimonials stark; es dürfe keinen Pay Gap geben, keine Orientierung an der Herkunft. Sie macht Missstände in Deutschland an den oft noch patriarchalischen Strukturen fest und hofft auf eine Umkehr: „Die letzten Monate haben richtig Fahrt ins Denken gebracht!“

 

Es steckt viel Arbeit hinter Haltung!

Dass Haltung zeigen viel Arbeit bedeutet, macht David Mayonga aka Roger Rekless bei der Online-Konferenz der Medientage deutlich. Der Musiker und Radiomoderator von BR Puls kann schon auf einige Jahre Erfahrung zurückblicken. Zusammen mit Co-Moderatorin Verena Fiebiger verfolgt der Radiopreis-Gewinner den Ansatz, in seiner Sendung „immer antirassistisch und feministisch zu sein“. Rekless: „Das ist ein andauernder Prozess, ich muss auch mich immer wieder täglich hinterfragen.“

 

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Inspirierender Austausch beim #MTMdigital zwischen Jim Sengl (l.) vom MedienNetzwerk Bayern und dem Musiker und Radiomacher Roger Rekless (Foto: Screenshot)

Schon seit 2012, als die Bewegung #blacklivesmatter ihren Anfang genommen hat, engagiert sich der Musiker und Moderator für diverse Themen. Heute sagt er: „Ich freue mich, dass unsere Arbeit wirklich Früchte getragen hat.“ Mit der aktuellen Welle nach dem Tod von George Floyd seien viele Kolleg*innen auf ihn zugekommen, weil er sich „jetzt auskennt“.  

Rekless' Fazit: „Die Leute sind durchaus bereit, sich zu verändern.“

Sie können die Veranstaltung hier nochmals abrufen. Die Debatte, wie Medienhäuser mit Rassismus umgehen und Diversität in ihre Arbeit integrieren, wollen die Medientage München Ende Oktober vertiefen - ebenfalls im virtuellen Raum.


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