Wer schreibt darüber, wenn der Bürgermeister im Gemeinderat einen fragwürdigen Beschluss durchdrückt? Wer erklärt, warum der Bus seit drei Monaten ausfällt? Wer war dabei, als der Verein seinen hundertsten Geburtstag feierte? Das macht Lokaljournalismus. Und genau dieser Journalismus steht unter Druck. Der zweite Tag des Lokaljournalismus am 5. Mai sollte dieses Missverhältnis sichtbar machen. Was gefordert wird.
Hunderte offene Redaktionen, Zeitungscafés, Newscamps und Leserdialoge: Über 100 Medienmarken in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg haben am 5. Mai 2026 den zweiten Tag des Lokaljournalismus gefeiert.
Nach der rein deutschen Premiere im Vorjahr ist nun der gesamte deutschsprachige Raum dazugekommen. „Mit dem Tag des Lokaljournalismus stellen die regionalen Zeitungsverlage ihre Bedeutung und Leistungsstärke in einer zunehmend digitalen Medienwelt unter Beweis. (…) Zugleich soll es darum gehen, die Werbewirtschaft von den Qualitäten eines zeitgemäßen lokalen Medienangebots zu überzeugen“, heißt es in der Ankündigung zum Event (rechts: offizielles Logo, Quelle: TDL)
Rund 1000 Aktionen verzeichneten die Initiatoren um IPPEN.MEDIA, dpa beziehungsweise das Verlagsbündnis DRIVE, hinter dem die Nachrichtenagentur und die Unternehmensberatung Highberg stehen, dieses Mal am Ende des Aktionstages. Redakteur:innen saßen beispielsweise im Biergarten, empfingen Schulklassen und erklärten, wie aus einem Tipp eine Geschichte wird. Die Main-Post in Würzburg etwa öffnete für BR24 die Türen ihrer Redaktion und damit ein kleines Fenster in den Alltag eines Hauses, das täglich beweist: Lokaler Journalismus ist Handwerk und keine Automatik.
Die Politik hört gerade hin
Es ist kein Zufall, dass diese Schlaglichter genau jetzt gesetzt wurden. Der Aktionstag unter der Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO-Kommission fand im Vorfeld einer Sitzung im Bundestag statt, wo erstmals im Rahmen einer „Befassung“ die Situation der lokalen Medien erörtert werden sollte.
Pünktlich dazu haben vier Branchenverbände – der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV), der Bundesverband kostenloser Wochenzeitungen (BVDA), der Medienverband der freien Presse (MVFP) und der Verband Deutscher Lokalzeitungen und Lokalmedien (VDL) – einen gemeinsamen Appell veröffentlicht. Der Titel: „Lokale Medien stärken heißt Demokratie stärken."
Die Forderungen im Überblick:
- Mehrwertsteuer raus aus der Meinungsbildung.
Die Verbände fordern (erneut) einen Stopp der Mehrwertsteuer auf journalistische Inhalte, gedruckt wie digital. Viele europäische Länder machen das bereits vor. In Deutschland gilt das Presseerzeugnis steuerlich noch immer als normales Konsumgut. - Weniger Bürokratie, mehr Gestaltungsraum.
Verlage investieren in KI-Anwendungen, digitale Produkte und neue Geschäftsmodelle. Aber sie kämpfen dabei gegen regulatorische Fesseln. Der Abbau bürokratischer Hürden und ein klares Signal gegen neue staatlich verursachte Kostenbelastungen sind aus Sicht der Verbände dringend notwendig. - Faire Sichtbarkeit auf Plattformen.
Wer seinen Lokalbericht auf Google, Meta oder TikTok nicht findet, hat ihn praktisch nicht gelesen. Die Verbände fordern faire und diskriminierungsfreie Sichtbarkeit auf digitalen Plattformen. Algorithmen dürften nicht darüber entscheiden, wer Öffentlichkeit erhält – schon gar nicht auf Kosten regionaler Qualitätsmedien. - KI-Schutz für journalistische Inhalte.
Sprachmodelle trainieren auf journalistischen Texten, ohne dafür zu bezahlen. Die Verbände wollen, dass sich das ändert: Urheberrechte müssten im KI-Zeitalter nicht nur auf dem Papier bestehen, sondern effektiv durchsetzbar sein, heißt es da. Faire Vergütung für Rechteinhaber sei Voraussetzung für das Überleben unabhängiger Redaktionen. - Zustellung als demokratische Grundversorgung.
Gerade im ländlichen Raum hängt ein erheblicher Teil der Bevölkerung noch am Print. Solange das so ist, müsse die Zustellung als Teil der demokratischen Grundversorgung betrachtet werden. Ein diskriminierungsfreies Zustellfördermodell, wie es der VDL fordert, wäre ein wirksames Instrument. - Medienkompetenzen fördern.
Wer nicht versteht, wie Journalismus funktioniert, vertraut ihm nicht. Die Verbände fordern deshalb eine nachhaltige Förderung der Medienkompetenz – vor allem bei jüngeren Zielgruppen.
Globaler Negativtrend zu „Nachrichtenwüsten“
Lokaljournalismus ist inzwischen ein weltweites Thema, weil das Problem der „Nachrichtenwüsten“ überall dasselbe ist. Einer, der das klar ausgesprochen hat, war Frank-Walter Steinmeier. Er empfing vor einigen Wochen rund 20 Lokalredakteur:innen im Schloss Bellevue und warnte vor den Gefahren des Niedergangs der Medien vor Ort. Lokaljournalismus sei „eine der Säulen, die die offene Gesellschaft der Demokratie trägt und stabil hält", so Steinmeiner. Und: „Ohne Lokaljournalismus gibt es kein gemeinsames Fundament vor Ort. Ein gemeinsames Fundament, das jede Demokratie braucht.“
Was längst belegt ist, vor allem mit Blick auf die USA: Dort, wo sich lokale Medien zurückziehen müssen, fehlen verlässliche Informationen fehlen und es entstehen Lücken. In diese Lücken drängen sich Desinformation, Polarisierung und unkontrollierte Macht. Das ist in vielen Gemeinden und Stadtteilen auf der ganzen Welt längst Realität.
Schaut die Werbewirtschaft hin?
Apropos Werbewirtschaft: Sie macht durchaus mobil für den Lokaljournalismus. Manfred Kluge, Mitgründer der Initiative 18 und Chairman der Omnicom Media Group, bringt den Standpunkt seiner Branche auf den Punkt: Lokale Tageszeitungen hätten auch im Digitalen den unschätzbaren Vorteil eines nahbaren Vertrauensmediums und böten Marken einzigartige Qualitätsumfelder.
Dahinter steckt nicht nur Eigeninteresse, wenn es darum geht, das über Jahrzehnte gewachsene und lukrative Werbegeschäft zu erhalten. Letztlich profitieren alle Seiten, wenn Werbung starke Lokalmedien mit ihrer Nähe zum Menschen am Leben hält: Ihr Vertrauen ins lokale Tageblatt oder ins Radio ist die wertvollste Währung im Mediensystem der Big-Tech- und KI-Ära, in der Aufmerksamkeit zur Mangelware geworden ist.
Problem: nachwachsende Generationen
Lokaljournalismus droht vor allem bei Jüngeren schlicht nicht mehr anzukommen. „Durch die Algorithmen der Plattformen und die Folgen der Künstlichen Intelligenz droht der Lokaljournalismus gerade auch in der nachwachsenden Generation praktisch unsichtbar zu werden", mahnt Meinolf Ellers, Co-Initiator des Tags des Lokaljournalismus und Geschäftsführer der dpa-Tochter #UseTheNews.
Das ist ein umfassendes Strukturproblem: Wenn Plattformsysteme entscheiden, welche Inhalte sichtbar werden, haben lokal verankerte, wenig virale Inhalte kaum eine Chance. Als Gegenentwurf wollen die Initiatoren des Lokaljournalismus-Tages mit Präsenz und Nähe überzeugen, über den 5. Mai hinaus.
Was die Zahlen sagen ..
Zumindest für Bayern gibt es eine aktuelle Bestandsaufnahme zu den Medien vor Ort. Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) hat untersucht, wie Lokaljournalismus im Freistaat tatsächlich wahrgenommen wird. Fast die Hälfte der Menschen nutzen demnach täglich oder fast täglich mindestens ein lokaljournalistisches Angebot. Lokale Medien genießen dabei in Bayern deutlich mehr Vertrauen als „Medien allgemein".
Die Studie verdeutlicht aber auch den strukturellen Knackpunkt: Zustimmung und Zahlungsbereitschaft klaffen weit auseinander. Ein Abo ist eher die Ausnahme; im Schnitt über alle Altersgruppen hinweg binden sich nur 29 Prozent der Befragten auf diese Art fest an Medienmarken.Je jünger, desto weniger neigen die Menschen zwischen Berchtesgaden und Hof zum Abonnieren. Zwar würden knapp zwei Drittel grundsätzlich für lokale Inhalte zahlen, aber die genannten Beträge reichen nicht für eine wirtschaftlich tragfähige Basis (Grafik). Wertschätzung ist ergo vorhanden. Nur: Sie münzt sich immer weniger in Erlöse um.
Auch dieser Befund aus der BLM-Studie verdient Aufmerksamkeit bei den lokalen Anbietern: Die Hälfte der Menschen in Bayern wünscht sich aktive Beteiligungsmöglichkeiten. Jüngere setzen dabei auf dialogische, digitale Formate, Ältere auf klassische Formen.
Wert und Bedeutung lokaler Medien, von Radio, TV und Zeitungen vor Ort, stehen im Mittelpunkt der neu formierten LOKALMEDIENTAGE am 24. und 25. Juni 2026 im NCC Mitte der NürnbergMesse. Tickets gibt es hier!
Mehr Lesenswertes rund um die MEDIENTAGE München findet Ihr im Blog. Inspirierendes kann auch gehört werden: im MEDIENTAGE-Podcast "This is Media NOW"!





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