Produktionen verteuern sich, Märkte konsolidieren sich, Entscheidungswege dehnen sich. Und das Publikum? Es springt zwischen Social, Vertical und Creator Content, wie es ihm passt. Beim TV-Gipfel der MEDIENTAGE München 2026 suchen Spitzenvertreter:innen der Branche Antworten auf die Frage „Wagnis oder Nummer sicher“. Moderator Torsten Zarges holt dafür Produzenten, Sender, Streamer und eine Plattform auf die Bühne.
Fred Kogel beziffert den Druck. Seit Corona steigen die Produktionskosten um geschätzt 20 bis 25 Prozent, etwa für Technik und Unterbringung. Stornierungen, verschobene Projekte und lange Entscheidungswege im konsolidierten TV- und Streaming-Markt verschärfen die Lage.
Der CEO der LEONINE Studios, seit 45 Jahren in der Branche aktiv, unterscheidet zwei Arten der Transformation: eine innere, wenn Abläufe günstiger werden müssen, und eine äußere, wenn der Markt neue Anforderungen stellt. Eine Antwort von LEONINE: das Home of Talents (HOT), Creator-Schmiede und "Premium-YouTube-Vermarktungs-Netzwerk".
Katja Hofem weist die Frage nach länger werdenden Entscheidungsketten zurück, die die Konsolidierung der Anbieter auf globaler Ebene gerade so prägt. Deutsches Programm werde in Deutschland entschieden, versichert die Netflix-Managerin, und sie verspricht der Branche stabile Aufträge, „wenn Gutes angeboten wird“.
Trotz Umbauten und Stellenabbau im US-Markt bleibt Netflix aufs Kerngeschäft fokussiert, und dazu gehören "regionale Inhalte für regionale Märkte". Auch Schulterschlüsse mit verschiedenen Partnern sollen für lokale Farben sorgen. Die VP Cont DACH von Netflix verweist auf den Pakt mit Frankreichs Platzhirsch TF1. Und sie nennt auch die Creator Community eine „sehr spannende, neue Möglichkeit“ für frische Inhalte.
Katja Hofem fordert die Runde zur Offenheit gegenüber Partnerschaften auf. Denn: Die Zuschauenden binden sich kaum noch an Marken, es gilt, sie in der Gattung Bewegtbild zu halten.
Inga Leschek zieht eine Zwischenbilanz nach der Riesen-Übernahme. Sie verantwortet seit diesem Jahr die Inhalte der RTL-Kanäle und der Sky-Angebote und muss entsprechend viele Plattformen füllen.
Das Haus testet gerade verschiedene Modelle. Ein Primetime-Film von Vox etwa erziele Monate später bei RTL erneut über 20 Prozent werberelevanten Marktanteil. Selbst GZSZ, das „linearste Produkt“ der Familie, wandelt sich: "Seit 29 Wochen" führe die Serie das Ranking der RTL-Produktionen im Stream an.
Henrik Pabst sendet Signale der Ruhe, nachdem der Konzern ein unruhiges Jahr mit vielen Umbauten hinter sich gebracht hat. Er verweist auf die stabile Shareholderstruktur, auf CEO Marco Giordani und auf den italienischen Eigner MFE im Rücken.
Die wachsende Angebotsvielfalt schreckt den Chief Content Officer des Münchner Medienhauses nicht, im Gegenteil: Wer sich an der Nachfrage orientiere, verstehe den geplanten linearen TV-Sender "SAT.2 als Puzzleteil im fragmentierten Audience-Markt".
Das Geschäft wird allerdings anstrengender, räumt Henrik Pabst ein. Sein Team muss Communities konvertieren, Zielgruppen neu erschließen und Daten auswerten, auch aus Fehlschlägen. Für 2027 gibt er sich zuversichtlich, der Konzern sei klar. Das mag auch daran liegen, dass Gesellschafter MediaForEurope die lokalen Inhalte der Familie mit den länderübergreifenden Streaming-Plänen europaweit "skalieren" will.
Christine Strobl wertet unterdessen die verordneten Reformen und Streichpläne für Digitalkanäle im öffentlich-rechtlichen Programm als große Chance. Die Spartenprogramme, die nach den Vorgaben des Reformstaatsvertrags zum Jahresende auf drei reduziert werden, stimmen ARD und ZDF nun gemeinsam ab, "so intensiv wie nie zuvor", wie die Programmdirektorin des Ersten beim TV-Gipfel 2026 betont.
Zudem erreiche die ARD über lineare Kanäle jüngere Zielgruppen und lenkt sie in die Mediathek: Neo diene dabei als "Anschubrampe", wie es Strobl formuliert. Kika und Funk ergänzen das gemeinsame Portfolio.
Dass es funktioniert, über das Lineare oder auch über YouTube für Inhalte in den Mediatheken zu trommeln, belegt Strobl zufolge der Erfolg der finalen fünften Staffel von „Babylon Berlin“ mit extrem starken Zugriffen im September. Strobl will Inhalte auch an YouTube weitergeben, "damit die Menschen darüber zu uns kommen".
Andreas Briese beschreibt YouTube beim TV-Gipfel als "Plattform, die auf Partnerschaften baut". Der YouTube-Manager verspricht Reichweite, zusätzliche Werbeerlöse, Marketing für TV-Marken und Pilotierungen. Gemeinsam mit LEONINE und dem House of Talents gab es dieses Jahr erstmals einen Pitch, bei dem sich Creators präsentieren konnten.
Fred Kogel bündelt die Debatte in einer Prognose: Große Produktionen bei RTL/Sky, Netflix, ProSiebenSat.1 und der ARD werden künftig nur noch im Verbund stattfinden.
„Ich glaube, dass große Produktionen bei Inga, bei Henrik und bei Christine künftig nur noch stattfinden können, wenn wir sie zusammen machen.“ LEONINE wolle mitmachen und investieren, denn die Zukunft liege im Zusammenhalt.
Auch das Panel „Own the Game!“ vom Vorabend des TV-Gipfels kreist um Kooperation und Kontrolle, aber im Sportbereich. Mit großem Effekt, denn gerade Sport gilt als eines der letzten großen Lagerfeuer des Fernsehens. Dr. Bernd Riefler von veed analytics fragt in seinem Impuls, was just dieser Live-Moment noch wert ist, wenn überall live gesendet wird und das Publikum ganz anders schaut als früher. Merchandising der Sendermarken könne hier ein Stück weit für Unverwechselbarkeit sorgen, heißt es da.
Die Vertreter:innen von DAZN, CANAL+ Germany, Magenta TV und Sky/RTL zeigen, wie sie weitere Sportarten aufbauen und Marken über alle Plattformen inszenieren. Was die Diskutierenden des #MTM40-Sportpanels eint: Der Aufwand hinter dieser Inszenierung ist immens und teuer.
Mehr Infos zu Programm und Tickets gibt es hier!
Die Zusammenfassungen wichtiger Panel-Diskussionen sowie Bildmaterial der 40. MEDIENTAGE München stehen in der Mediathek der MEDIENTAGE-Homepage und auch im MTM-Blog bereit.
Zudem können MTM-Themen auch gehört werden: im Podcast "This is Media NOW".