Wenn 90 Sekunden mehr Drama liefern als so manche Primetime-Serien-Folge: Dann befinden wir uns in der Welt der Vertical Dramas, gedreht fürs Smartphone, gespielt im TikTok-Feed, gesteuert vom Algorithmus. Die hochkantigen Mini-Serien haben China erobert, breiten sich über Asien in die Welt aus und starten ihre ersten Tests in Europa und hierzulande.
Was steckt hinter dem Hype? Welche Player spielen vorne mit? Und was bedeutet das für Sender, Streamer und Produzentinnen in Deutschland?
Stellen wir uns eine U-Bahn vor, bei der wir eigentlich nur kurz Zeit überbrücken wollen. Und zehn Minuten später wird klar: Wir haben eine komplette Serie gesehen! Nicht als 45-Minüter auf dem heimischen TV-Bildschirm, sondern in einer Kette aus hochkantigen Clips, jede Folge zwei Minuten, jede Szene ein Cliffhanger. Genau das ist die Logik von Vertical Drama – Serien, die von Anfang an fürs Smartphone, für den Feed und für den Daumen produziert sind.
Was Vertical Drama wirklich ist
Vertical Dramas sind keine zufällig aneinandergereihten TikTok-Clips. Dahinter stecken durchgeschriebene Serien im 9:16-Format, meist mit Episodenlängen von 30 Sekunden bis etwa drei bis 15 Minuten. Emotionale Höhepunkte liefern bereits die ersten Sekunden. Konflikte werden maximal zugespitzt, Figuren sind oft archetypisch – vom Rache-Plot bis zur Turbo-RomCom, vom Thriller im Büroflur bis zum Fantasy-Drama im Schulhof. Jede Folge hat nur eine einzige Aufgabe lösen: das Weiterwischen verhindern.
Spannend wird es, wenn man auf die Produktionslogik blickt. Viele dieser Serien entstehen inzwischen hochgradig datengetrieben: Kommentare, Shares und Verweildauer entscheiden, ob eine Mini-Drama, ein Plot, eine Folge gedreht, Figuren nach vorne gezogen oder Staffeln verlängert werden. Man könnte sagen: Das Publikum schreibt mit – nicht mit direkten Reaktionen, sondern in Echtzeit mit der Teilhabe an Folge sieben.
Vom chinesischen Milliardenmarkt aus rollt die globale Welle
Der eigentliche Boom kommt aus China. Unter dem Label "Short Drama" oder "Duanju" hat sich dort in den vergangenen Jahren ein eigener Markt entwickelt, mit zweistelligen Nutzerzahlen in der Bevölkerung und Milliardenumsätzen. Plattformen wie Douyin oder Kuaishou sind nicht mehr nur der Ausspielweg, sondern treiben den Trend mit eigenen Ökosystemen und Partnerschaften mit Kurzdrama-Studios. Dazu kommen spezialisierte Apps wie ReelShort oder DramaBox, die nichts anderes tun, als vertikale Serien auszuspielen – oft mit Pay-per-Episode, Freemium-Modellen und aggressiven Werbekampagnen.
Ein Muster kristallisiert sich heraus: Die ersten drei Episoden sind kostenlos. Wer dann angefixt ist, muss für die Fortsetzung ein Abonnement abschließen. 50 bis 80 Folgen können dann schon zusammenkommen. Einige spezialisierte Plattformen zählen laut Arte-Recherche bereits mehr als 55 Millionen Nutzer:innen pro Monat. Befeuert wird die Lust an den Clip-Serien von den Produzierenden selbst:
Während im Westen Projekte wie Quibi gescheitert sind, zeigt der chinesische Markt, unter welchen Bedingungen Vertical Drama funktioniert: Wenn Publikum und Plattformen bereits auf knappe, mobile Inhalte trainiert sind und Algorithmen als selbstverständliche Programmdirektion akzeptiert werden. Dort entsteht gerade ein Ökosystem, in dem aus erfolgreichen Kurzserien wiederum Romane oder Longform-Adaptionen werden. Und wer profitiert vom Trend? Letztlich große Plattformen wie TikTok, ist die einhellige Meinung von Beobachter:innen.
Diese Welle schwappt inzwischen über Asien hinaus, die USA mischen kräftig mit. Auf TikTok, Instagram Reels und YouTube Shorts experimentieren Produzent:innen weltweit mit vertikalen Dramen oder Telenovela-artigen Kurzserien, teilweise mit Untertiteln für internationale Märkte. Social-Video-Plattformen sind dabei Testlabor und Schaufenster zugleich: Wer im Feed funktioniert, bekommt die Chance auf eigene Apps, Deals mit Streamern oder Spin-offs in längeren Formaten.
Und Deutschland?
Hier ist der Markt noch deutlich vorsichtiger, aber die Bausteine liegen längst vor. TikTok positioniert sich seit Jahren als Bühne für emotionale Kurzvideos, inklusive groß angelegter Kampagnen im deutschen TV. Redaktionen von ARD, ZDF, BR oder funk erzählen in Social-Formaten schon heute seriell – von politischen Erklärreihen bis zu Personality-Formaten, die dramaturgisch stark mit Spannungsbögen und Cliffhangern arbeiten, wenn auch überwiegend nonfiktional.
Private Sender und Marken testen Kurzformate sowie 9:16-Produktionen auf YouTube und TikTok, oft zunächst als Marketingprojekt.

Eine deutsche YouTube-Playlist ... (Screenhsot: YouTube)
Genau hier liegt die Chance: Vertical Drama kann für deutsche Anbieter ein Labor für Stoffentwicklung werden – günstiger, schneller, risikofreudiger als klassische Serienproduktion. Erfolgreiche Charaktere und Plots könnten erst im Hochkant-Modus getestet und später in Mediatheken, auf Streaming-Plattformen oder im linearen Programm verlängert werden. Gleichzeitig eröffnen sich neue Erlösmodelle; denkbar sind Micropayments oder Abos und auch Marken-Integrationen.
Eine vielleicht unbequeme Wahrheit
Die Risiken sind allerdings ebenso real. Eine Dauerberieselung aus immer gleichen Schemata, emotionalem Overkill und maximaler Zuspitzung kann Qualitätsdebatten befeuern und Kreative ausbrennen. Außerdem stellt sich für den europäischen Markt die Frage, wie solche hochdynamischen, stark emotionalisierenden Formate mit Jugendschutz, Werberegulierung und den eigenen Ansprüchen an Vielfalt und Verantwortung vereinbar sind.
Die Medaille hat zwei Seiten: Wer Vertical Drama nur als "billigen Snack fürs Hosentaschenfernsehen" abtut, verpasst möglicherweise ein wichtiges Experimentierfeld – wer sich unkritisch anpasst, kann Glaubwürdigkeit verlieren.
Am Ende läuft es auf eine einfache, aber unbequeme Frage hinaus: Die vertikale Serie kommt – sie ist in China längst Alltag und in unseren Feeds bereits angelegt. Entscheidend wird sein, wer hierzulande zuerst ernsthaft in Vertical Drama investiert: die Plattformen, die etablierten Sender und Streamer oder ganz neue Player, von denen heute noch niemand spricht. Für den deutschsprachigen Markt ist das weniger eine Genre-Frage als ein Test, ob die Branche bereit ist, Serien radikal aus der Perspektive eines scrollenden Publikums zu denken.
In Hollywood ist der Bewegtbild-Trend fürs Smartphone auf jeden Fall schon einmal angekommen und damit in der Hauptstadt des Kinos, die Content wiederum überall auf dem Globus verteilt. Eine Arte-Dokumentation macht deutlich, dass gerade die US-Filmindustrie dank der schnell und günstige produzierten Verticals wieder etwas an Farbe gewinnen könnte. Man feiert dort die Chance auf ein "Netflix für vertikale Videos".
Wer sich kostenfrei weiter zum Thema informieren möchte: Am 17. März liefert das "Media Date – Vertical Drama: Snackable Content in Serie" ab 17 Uhr im MedienNetzwerk Bayern zusammen mit spannenden Expert:innen aus dem deutschen und bayerischen Markt Einblicke in die neue Welt der Hochkant-Produktionen. Eine verbindliche Registrierung für das Event in der Münchner Medien.Bayern-Zentrale reicht!
Das neue MTM SPECIAL AI & MEDIA zu Künstlicher Intelligenz in der Bewegtbild-Branche findet am 21. und 22. April 2026 in der HFF München statt. In Keynotes, Panels und Masterclasses geht es um aktuelle Anwendungen, rechtliche Fragen und neue Perspektiven für den Einsatz von KI in der Medien- und Filmproduktion. Auch dem Trend Vertical Drama gehört die Bühne. Tickets? Gibt es hier.

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