Welche deutschen Medien ChatGPT und andere KI-Modelle bevorzugen, zeigt eine neue Auswertung von Bernstein Analytics. Doch parallel decken britische Recherchen auf: Medienseiten sind es, die zunehmend von Fake-Expert:innen und KI-generierten Inhalten durchsetzt sind.
Der massive Einbruch von Website-Traffic durch AI Search bewegt Publisher derzeit wie kaum ein anderes Thema. "KI-Suche essen Website Traffic auf", heißt es.
Wo deutsche User-Anfragen über ChatGPT, Gemini, Perplexity und Grok überhaupt noch landen, hat die Berliner Analyse-Firma Bernstein Analytics nun zum zweiten Mal untersucht.
Tagesschau führt, linksliberaler Bias nimmt zu
Die Auswertung von 3750 KI-Antworten auf 750 verschiedene Prompts zu Themen aus Wirtschaft, Innen- und Außenpolitik, Kultur sowie Sport für das vierte Quartal 2025 zeigt: tagesschau.de und spiegel.de behaupten ihre Spitzenpositionen, dahinter verschieben sich die Kräfte deutlich. zeit.de klettert auf Platz 3, n-tv.de springt von Platz 13 auf Platz 6, während welt.de aus den Top 10 fällt.
Besonders auffällig: Die KI-Systeme unterscheiden sich massiv: Elon Musks Grok zitiert deutsche Medien am häufigsten (40 Prozent seiner Quellen), ChatGPT (23,6 Prozent) und Gemini (19,7 Prozent) deutlich seltener.
Zudem greifen fast alle Sprachmodelle häufiger auf linksliberale (22 bis 29 Prozent) als auf konservative Quellen (12 bis 16 Prozent) zurück.
Im April werden die Berliner das nächste Ranking veröffentlichen.
Fake-Experten unterwandern Boulevard-Titel
Während Medienhäuser um KI-Sichtbarkeit kämpfen, zeigt eine Recherche der Press Gazette, wie massiv die Qualität journalistischer Quellen (zumindest in Großbritannien) bereits erodiert ist. Die britische Fachpublikation untersuchte 250 Expert:innen-Zitate in Sun, Daily Express, Mirror, Daily Mail und Daily Star – und fand heraus, dass 24 der Zitierten im Lauf des Jahres 2025 entweder nicht existieren, nicht verifizierbar sind oder anonym bleiben.
Ein Beispiel: Jessie Chambers, eine angeblich vielfach publizierte Reiseexpertin. Ihr "Arbeitgeber" räumte gegenüber Press Gazette ein: Es gibt sie gar nicht. Sowohl Profilbild als auch Artikel sind KI-generiert.
Diese Boulevard-Titel arbeiten unter extremem Zeitdruck, produzieren Masse statt Tiefe und sind stark SEO-getrieben – eine Kombination, die sie anfällig für PR-generierte Fake-Expert:innen macht, heißt es zur Erklärung. Fast alle problematischen Zitate stammen von PR-Agenturen, die über gefälschte Autoritäten Markenerwähnungen und SEO-Links platzierten, wie Press Gazette schildert.
Alex Cassidy von NeoMam Studios bringt das Problem auf den Punkt: "Wenn Journalist:innen unter unrealistischen Deadlines arbeiten, werden sie aktiv davon abgehalten zu überprüfen, ob ein zitierter Experte real ist. In diesem Vakuum gewinnt die schnellste PR – nicht die glaubwürdigste."
Eine gefährliche Feedbackschleife
Die britischen Recherchen offenbaren eine unheilvolle Spirale: Wenn KI-Systeme zunehmend Artikel zitieren, die selbst KI-generiert sind oder auf erfundenen Experten basieren, droht ein "Modellkollaps"– die schleichende Degeneration durch selbstreferenzielle Trainingsdaten.
Wenn Menschen sich über KI-Chatbots informieren, die wiederum Medien zitieren, deren Inhalte von KI erzeugt oder durch erfundene Expert:innen durchsetzt sind, entsteht eine Vertrauenskrise mit verheerenden Folgen.
Die fundamentale Frage lautet daher: Können KI-Modelle lernen, qualitativ hochwertige von minderwertigen Quellen zu unterscheiden? Das Rennen um KI-Sichtbarkeit darf nicht auf Kosten journalistischer Grundstandards gehen.
Was Medienanbieter jetzt tun müssen
Eine Studie des Berliner Suchmaschinen-Spezialisten Digitaleffects zum Reisemarkt unterstreicht: Jede KI-Plattform hat eigene Regeln. AI Search sortiert Marktanteile einzelner Marken im Netz um.
Es gibt deutliche Unterschiede bei der Sichtbarkeit zwischen der Google-Websuche, AI Overviews, AI Mode und ChatGP: Kleinere Player sind beispielsweise in AI Overviews überproportional sichtbar, obwohl sie bei der klassischen Suchmaschinenoptimierung (SEO) schwach sind. SEO-Erfolg garantiert wiederum keine KI-Sichtbarkeit. Und ChatGPT bevorzugt offizielle Quellen sowie Inhalte.
Ableiten lässt sich aus der Studie für Medienanbieter, dass sie sich im Netz diversifizieren müssen, um verschiedene Traffic-Quellenbedienen zu können. Es gilt, in KI-Optimierung zu investieren und "Qualität" neu zu definieren. Will heißen: Medien müssen verstehen, was die verschiedenen KI-Systeme bei ihrer Suche nach Inhalten bevorzugen.
Das neue MTM SPECIAL AI & MEDIA zu Künstlicher Intelligenz in der Bewegtbild-Branche findet am 21. und 22. April 2026 in der HFF München statt. In Keynotes, Panels und Masterclasses geht es um aktuelle Anwendungen, rechtliche Fragen und neue Perspektiven für den Einsatz von KI in der Medien- und Filmproduktion. Tickets? Gibt es hier.

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