Zwei Tage, 32 Sessions, 90 Speaker, rund 800 Teilnehmende: Die Lokalmedientage in Nürnberg haben die drängenden Fragen von lokalem Radio, TV, Online und Print umfassend auf sechs Bühnen im NCC Mitte der NürnbergMesse thematisiert. Im Zentrum stand die Frage, wie der lokale Journalismus in einer zunehmend digitalisierten Welt erhalten, gestärkt und zukunftsfähig gemacht werden kann.
Die Herausforderungen für Anbieter lokaler Medien nehmen zu. KI beschleunigt die digitale Transformation. Die Menschen wenden sich zunehmend von klassischen Medien ab, die wiederum mit ihren Inhalten im Feed der Social-Media-Plattformen untergehen. Die Werbungtreibenden folgen den Usern ins Digitale, obwohl die Umfelder oft nicht vertrauenswürdig sind.
Wie kann in dieser Gemengelage Lokaljournalismus noch seiner demokratiestiftenden Aufgabe gerecht werden? Die #LMT26 waren Forum für drängende Fragen:
Wie steht es um den (richtigen) Einsatz von KI?
KI ist kein Selbstzweck und auch kein Ersatz für journalistisches Handwerk, gerade nicht im Lokalen. Diese Haltung zog sich wie ein roter Faden durch viele Sessions der Lokalmedientage.
Ob KI-assistierter Videoschnitt beim SWR, automatisierte Podcast-Produktion bei Radio WMW oder datenbasierte Musikplanung bei Radio NRW: Überall gilt das Prinzip "Human in the Loop". Die Technologie übernimmt dabei Routine und „Fließbandarbeit“. Der Mensch behält die kreative und redaktionelle Hoheit. Gerade lokale Medienanbieter schätzen die Unterstützung: „KI macht kleine Redaktionen stärker“, betonte etwa Kathleen Urbanski, Geschäftsführerin von lausitz.tv, (Foto, mit Sascha Devigne, Medien.Bayern GmbH) bei einer Lokalmedientage-Session.
Eine wichtige Einschränkung benannte Ippen.Media-Chefredakteur Markus Knall (Foto: Medien.Bayern GmbH): "Die Vorstellung dessen, was KI vermag, ist noch gar nicht angekommen bei den Menschen. Die Limitation steckt in unseren eigenen Köpfen." Die größte KI-Disruption treffe nicht die Mitarbeitenden, sondern die Führungsetagen.
Wie kann Lokaljournalismus gestärkt werden?
Lokaljournalismus ist demokratische Infrastruktur und kein "Nice-to-have". Das unterstrich BLM-Präsident Dr. Thorsten Schmiege in seiner Eröffnungsrede und verwies auf aktuelle Studiendaten der Medienanstalt: Fast die Hälfte der Bevölkerung nutzt täglich lokaljournalistische Angebote, das Vertrauen in die Medien vor Ort liegt mit 53 Prozent deutlich über dem allgemeinen Medienvertrauen.
Und trotzdem: Hohe Relevanz garantiert heute keine Reichweite mehr. Algorithmen bevorzugen laute Meinungen, nicht verlässlichen Journalismus. Die Antworten auf den Plattformdruck, die in Nürnberg gegeben wurden, heißen Kooperation, Startup-Denke und neue Finanzierungswege, kombiniert mit dem, was kein Algorithmus kopieren und keine KI vorgaukeln kann: Nähe, Kenntnis und Einordnung vor Ort.
Wie muss die Zukunft von Lokalradio gestaltet sein?
Die menschliche Natur verändert sich nicht, auch wenn die Technologie es tut. Dieser Gedanke zog sich durch diverse Audio-Sessions der #LMT26. Radio schafft kollektive Vertrautheit, verbindet Communitys in Echtzeit und erzeugt Nachfrage, statt nur bestehende abzugreifen. Gleichzeitig wächst der Druck auf die Anbieter: Werbebudgets wandern zu globalen Plattformen, die UKW-Nutzung geht zurück und die Auffindbarkeit im Auto steht auf dem Spiel.
Als Strategie wurde bei den Lokalmedientagen radikale Kooperation bei Querschnittsaufgaben oder auch Markenbindung statt Reichweitendenken ausgegeben.

Noch dazu wurde (aus rein werblicher Sicht) der Anschluss an digitale Buchungssysteme gefordert. Till Coenen von Radio Arabella (Foto: Medien.Bayern GmbH) hat es vorgemacht: Als erster bayerischer Sender hat er im Frühjahr sein lineares Radioprogramm über Programmatic Audio in den automatisierten Werbemarkt integriert.
Wie kann TV vor Ort bestehen?
Lokal-TV ist laut der aktuellen FAB-Analyse „glaubwürdig, sympathisch“. Aber eben auch unter Druck. Täglich 620.000 Zuschauer:innen in Bayern belegen, dass die Sender ihr Publikum haben. Die Herausforderung liegt in fehlender digitaler Anbindung im Prozess der Werbebuchung, dünner Personaldecke und dem Kampf um Sichtbarkeit in einer zunehmend digitaleren Bewegtbild-Welt.
Die Antworten, die bei den #LMT26 präsentiert wurden, sind so unterschiedlich wie die Sender selbst. STUDIO 47 aus Duisburg setzt auf KI-gestützte Produktion und einen Jörg-Kachelmann-Avatar für hyperlokale Wetterberichte, um mit zwölf Leuten ein ansprechendes Programm gestalten zu können. lausitz.tv aus Cottbus bespielt mit einer halben Stunde Tagesinhalt viele Kanäle gleichzeitig und lässt ein junges Team erfolgreich für TikTok produzieren. Telebasel aus der Schweiz bereitet sich mit einem Community-Finanzierungsmodell auf das Ende der Gebührenunterstützung vor. Und WOTSCH.TV feierte in Nürnberg den ersten Geburtstag als gemeinsame Streaming-Heimat bayerischer Lokalsender, mit ehrlichen Worten zum Lernprozess und klarem Bekenntnis: Gemeinsam sei man stärker, aber jede TV-Marke müsse erhalten bleiben, wie Geschäftsführer Thomas Eckl betonte.
Welche Bedeutung hat die Community?
Der Zugang zur Community ist keine Marketing-Maßnahme, er ist Überlebensstrategie. Das war die klare Botschaft aus mehreren #LMT26-Sessions.

Ob Tagesspiegel-Newsletter mit ausverkaufter Bühnenshow, Pop-up-Redaktion im Stadt-Leerstand oder ein Salzburger Podcast, der echte Veränderungen in einem Hallenbad bewirkt hat: Überall dort, wo Redaktionen aufgehört haben zu senden und angefangen haben, Beziehungen zu pflegen, entsteht Loyalität. Und Loyalität, so Giulia Cresta (Foto: Medien.Bayern Gmbh) aus dem Führungsteam von CH Media, wird künftig wichtiger sein als Reichweite.
Doch Community-Arbeit braucht Leidenschaft und Engagement des Teams. Auch hier liegt der entscheidende Hebel in der Führungsebene.
Wo kommen die Erlöse her?
Die Zeiten, in denen ein Erlösmodell reichte, sind vorbei. Das war der Grundton bei einigen Diskussionen im Rahmen der neu formierten Lokalmedientage, die erstmals auch Publisher integriert haben. Sigrun Albert vom Verlag Nürnberger Presse beschrieb die Lage präzise: Das Verhältnis hat sich gedreht; heute stützt der Lesermarkt mit 70 Prozent das Geschäft, 30 Prozent kommen bestenfalls noch aus der Werbung. Bis zur Jahrtausendwende nahm die Reklame viel Raum und Umsatz bei Print ein, Vertriebserlöse waren die verlässliche, aber kleinere Säule.
Daneben experimentieren lokale Medien mit Programmatic Audio, neuen Abo-Modellen, Event-Vermarktung, Corporate Podcasts, Community-Mitgliedschaften oder auch Crossmedia-Personalgarantien wie bei AllgäuHIT. Was alle Modelle eint: Es geht um Mehrwert für die Nutzenden, um eine klar definierte Zielgruppe und um das Wissen, dass die Werbung im großen Stil nicht zurückkommen wird.
Was muss die Medienpolitik tun?
Das Ziel wäre in einer Zeit der Übermacht der digitalen Plattformen ein „Level Playing Field“. Das war die meistgehörte medienpolitische Forderung der Lokalmedientage. Fakt ist, wie es unter anderem BLM-Präsident Dr. Thorsten Schmiege (Foto: Medien.Bayern GmbH) auf den Punkt brachte: Rundfunk leidet unter Überregulierung, während Big Tech nahezu unreguliert agiert. Bei der wachsenden Vorliebe für News aus dem Netz entscheiden daher immer öfter Algorithmen, welche Inhalte Menschen erreichen. Verlässlicher Journalismus zieht den Kürzeren.

Die politischen Baustellen sind in Nürnberg klar benannt worden:
-
Auffindbarkeit sichern
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Urheberrecht gegenüber KI-Unternehmen durchsetzen
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Plattformen zu fairer Wertschöpfungsbeteiligung verpflichten
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den neuen Digitalen Medien-Staatsvertrag als Schutzschild – nicht als Eingriff in die Pressefreiheit – gestalten
Schmiege gab den rund 800 Teilnehmenden der Lokalmedientage 2026 als Appell mit: Vor 41 Jahren startete der private Rundfunk in Bayern mit Pioniergeist. Genau diese Haltung brauche der Lokaljournalismus heute wieder – und die Politik müsse dafür den Rahmen schaffen.
Die ganze Nachlese hier im Liveblog:
Auch wenn die MTM als Konferenz bis zum 21. Oktober 2026 pausieren: Wir bleiben präsent! Die Zusammenfassungen wichtiger Panel-Diskussionen sowie Bildmaterial der 39. MEDIENTAGE MÜNCHEN stehen im Info-Bereich der MEDIENTAGE-Homepage und auch im MTM-Blog bereit. Bilder für den Download (Quelle: Medien.Bayern GmbH/MEDIENTAGE MÜNCHEN) sind in der Mediathek zu finden.

Zudem können zahlreiche MTM-Themen gehört werden: im Podcast "This is Media NOW".



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