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"Diverse Themen sollten aus diversen Teams heraus entstehen"

10. August 2021

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Wie bunt sind unsere Medien, wie divers sind Strukturen und Inhalte bei Anbietern und Produzenten? Fragen, die das Produktionshaus Endemol Shine Germany aus der weltweit tätigen Banijay-Gruppe sehr ernst nimmt. Wie das Unternehmen davon profitiert und welche positiven Veränderungen aus einem klaren Bekenntnis zu mehr Diversität entstehen, das schildert Geschäftsführer Fabian Tobias im Interview mit dem Blog der Medientage München.

 

Wie steht es um die Diversität im Team von Endemol Shine Germany?

Eine Frage, mit der wir uns ehrlicherweise gerade beschäftigen, indem wir sehr intensiv in das Unternehmen hineinblicken. Da geht es um unser Selbstverständnis als Firma, wer wir sind und wer wir sein wollen. Bei der Gender-Diversität sind wir mit dem Ergebnis schon ganz glücklich, weil wir wissen, dass 57 Prozent unserer Mitarbeiter:innen und 50 Prozent unserer Führungskräfte Frauen sind.

Das freut uns, doch damit ist die Beschäftigung mit uns selbst noch nicht abgeschlossen.

 

Welche Aspekte von Diversität sollte Ihr Team erfüllen?

Wie sehen uns beispielsweise gerade die Altersstruktur unserer Mitarbeiter:innen an und wollen das Team zudem nach ethnischer sowie sozialer Herkunft durchleuchten, nach sexueller Orientierung, aber auch nach physischer und psychischer Verfassung. Wir betrachten alle Aspekte, die unserer Definition von Diversität entsprechen. Dieser Prozess ist längst nicht abgeschlossen.

Der Anspruch an mich als Geschäftsführer und an uns als Management-Team eines Wirtschaftsunternehmens ist, dass wir mit aller Ehrlichkeit auf die Ergebnisse blicken und beraten, wie wir noch besser werden können.

 

Welche Haltung steht hinter diesem Prozess?

Es geht zunächst einmal darum Menschen zusammenzubringen, die möglichst unterschiedlich sind und nicht gleichförmig denken und ihnen als Firma eine Kultur anzubieten, in der die kreative Energie frei fließt und nicht gehemmt wird, so dass sie dann gemeinsam kreative Spitzenleistungen vollbringen und an der Produktion einer Sendung oder an der Entwicklung einer neuen Idee arbeiten. 

Wir glauben fest daran, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Geschlechts und Alters am Ende zu besseren Entscheidungen und zu einem besseren Ergebnis kommen.
Fabian Tobias, Endemol Shine Germany

Doch das allein reicht uns nicht:  Uns geht es im Kern darum, Menschen in einer Kultur der Offenheit und der Wahrheit zusammenzubringen. Sie sollen wirklich sagen können, was sie denken - egal zu welchem Thema. Und sie sollen tun können, was sie sagen. So entsteht Vertrauen. Das ist im Geschäftsleben gar nicht so einfach, weil sich viele Mitarbeiter:innen gar nicht sicher genug fühlen, um sich total frei zu entfalten.

Es dreht sich bei Diversität viel um Kommunikation und wie wir miteinander arbeiten. Mich prägt dabei ein Leitgedanke:  Die Wahrheit liegt im Widerspruch. Wir wollen, dass unsere besten Mitarbeiter:innen  in Entscheidungsprozessen offen kommunizieren, hinterfragen und diskutieren, sodass am Ende die beste Entscheidung getroffen wird. 


Braucht diese Art von Zusammenarbeit einen neuen Führungsstil?

Absolut! Führung ist in einem diverseren Unternehmen ein dynamischer und sehr spannender Prozess, der täglich gelebt werden muss:  in Meetings, in Gesprächen auf dem Flur und in den gemeinsamen Entscheidungsprozessen.

Dabei glauben wir aber nicht allein an das „Fernsehparlament“: Führung braucht auch Hierarchie, Vorgesetzte, die in einer Kultur der Offenheit klar entscheiden, nachdem Stimmen abgeholt und Argumente leidenschaftlich ausgetauscht wurden. Mit einer Entscheidung auf Sachebene kommen wir am Ende zu besseren Ergebnissen. Das ist meine feste Überzeugung.

 

Was hat das Unternehmen davon?

Die Forschung bestätigt längst unsere Haltung. Nehmen wir die McKinsey-Studie aus dem vergangenen Jahr, die den Zusammenhang zwischen Diversität und Geschäftserfolg deutlich machte.

Für uns war es ein wichtiges Ergebnis, dass Unternehmen mit hoher Gender-Diversität eine um 25 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit haben, überdurchschnittlich profitabel zu sein. Bei der ethnischen Diversität liegt der Wert sogar bei 36 Prozent. Wir fühlen uns in unserem Glauben bestätigt.  

 

Seit 2018 gibt es die Initiative Endemol Shine Pride und ein internes Pride-Team setzt sich für verschiedenste LGBT+ Projekte ein. Warum wurde dieser Zeitpunkt gewählt?

Als ich 2001 als Praktikant bei Endemol angefangen habe, habe ich mich als sehr junger Mann bereits in den ersten Tagen in der Firma geoutet. Das macht man nur, wenn man sich im Team sicher und akzeptiert fühlt.

Daher habe ich persönlich Endemol von Anfang an als offenes Unternehmen erlebt. Danach habe ich in verschiedenen Produktionsfirmen gearbeitet, und nun bin ich seit einem Jahr in der Geschäftsführung in einem weiterhin offenen Unternehmen.

Dass wir und andere Firmen LGBT+ Projekte strukturell institutionalisiert und in der Firmenphilosophie verankert haben, hat mit äußeren Gründen zu tun:  Für meine Generation ging es immer nach vorne, es war stets liberal. Doch seit einiger Zeit macht sich erstmals das Gefühl breit, dass Rechte auch zurückgedreht werden können wie in unserem Nachbarland Polen, wie in Ungarn, Russland oder Brasilien.

Mit der Banijay-Gruppe bespielen wir als internationaler Konzern auch diese Länder. Mit unseren Initiativen setzen wir ein Statement für unsere Mitarbeiter:innen, dass wir als Firma eine ganz klare Haltung haben, und wirken so über Deutschland hinaus.

Endemol Shine Pride LaunchDie Signets der Initiative Endemol Shine Pride (Foto: Endemol Shine Germany)

 

Wie sehr prägt diese Initiative Produktionen des Hauses?

Sie prägt indirekt, indem wir mit Events, Vorträgen oder Aktionen unsere klare Haltung im Team verfestigen. So haben wir im Mai 2018 einen Workshop rund um Unconscious Bias veranstaltet, um es mit unbewussten Vorurteilen aufzunehmen. Hinzu kommen regelmäßige Diskussionsrunden. Und Conchita Wurst hat erst vor wenigen Wochen bei einem unserer internationalen Events moderiert.

Als natürliche Folge spiegelt sich eine veränderte Wahrnehmung bei den Mitarbeiter:innen in Produktionen wider.

 

Gibt es auf der Abnehmerseite – Sender, Streamer – die entsprechend gleiche Haltung?

Ja. Es sind deutliche Veränderungen bei der grundsätzlichen Haltung zu erkennen. Wir bemerken das in den Gesprächen mit unseren Kunden aus TV und Streaming, darunter bei der RTL-Gruppe, bei ProSiebenSat.1, Amazon, Netflix oder auch bei den Öffentlich-Rechtlichen.  Auch wenn wir nach rechts und links schauen zu anderen Produzenten, sehen wir bei Wettbewerbern viele Anstrengungen. Umso besser, wenn wir das Ziel gemeinsam vor Augen haben.

Es gibt gerade zwei sehr präsente Themen, in denen wir als Unternehmen und als Branche gefordert sind: Klimawandel und Diversität. Am erfolgreichsten können wir mit diesen Fragen umgehen, wenn wir das im Schulterschluss tun.

 

Sind die Streaming-Anbieter mit vielen eher jungen Zuschauer:innen aufgeschlossener für diverse Produktionen?

Es hat sich in der gesamten Branche sehr viel getan, auch gerade im deutschen Fernsehmarkt, der ein wichtiger Treiber in vielen Dingen bleibt. Wir sehen inzwischen allgemein eine große Offenheit und Gemeinsamkeit in der Frage, wie wichtig Diversität ist und müssen nicht mehr gegen Widerstände kämpfen. Doch ich würde schon behaupten, dass die Streaming-Dienste in vielen Dingen den deutschen Markt antreiben – sei es bei der Transformation, bei der Digitalisierung oder auch bei der Diversität. Wir bemerken bei unseren Pitches und Produktionen, dass die Anbieter in der Sache aufs Gaspedal drücken – logischerweise vor allem bei der wichtigen Frage des Castings.

Die Rollen, die bei großen Fiction-Produktion beispielsweise bei Netflix besetzt werden, liefern ein neues, ein anderes und frisches Bild. Um ein Gender-Beispiel zu nennen: Der Apple-Streaming-Dienst TV+ setzt mit „The Morning Show“ aus Reese Witherspoons Firma Hello Sunshine erfolgreich auf ein komplett weibliches Team und weibliche Themen. Ich finde es spannend, wie dort Rollenbilder neu erzählt werden.

Oder nehmen Sie Shonda-Rhimes-Produktionen mit einer ethnischen Form von Diversität. Sie geht in „Bridgerton“ revolutionär mit dem Thema „Hautfarbe“ um, denn sie ist in ihren Produktionen einfach kein Thema. So soll es sein! Das sind treibende Entwicklungen vor der Kamera.

 

Dann muss aber bereits die Formatentwicklung ganz anders aufgesetzt werden?

Zunächst einmal: Trends sind für uns wichtig, weil wir naturgemäß nah an den Zuschauer:innen sein möchten. Und natürlich sehen wir, dass Produktionen wie „Prince Charming“ oder „Princess Charming“ Türöffner beim Publikum sind.

Ich würde mich allerdings davor hüten, meinem Development Team den Auftrag zu geben: „Macht doch mal ein Format zum Thema Diversität!“ So geht das nicht. Vielmehr sollten diverse Themen vollkommen natürlich aus diversen Teams heraus entstehen.

 

Welche Produktionen sind aus Ihrer Sicht gerade wegweisend für LGBT+ Themen?

Schauen Sie sich unbedingt die Miniserie „All You Need“ in der ARD-Mediathek an. So eine Serie hat es in Deutschland noch nie zuvor gegeben!

Unsere Produktionsschwester MadeFor Film aus der Banijay-Gruppe verantwortet für die ZDF-Mediathek die gelungene Reihe „Loving her“, in der ein lesbisches Rollenbild modern und anders erzählt wird. Ich denke, die Öffentlich-Rechtlichen empfinden mit diesen Projekten ihren besonderen Auftrag in die Gesellschaft hinein.

Katy Bähm erfreute Zuschauer (Foto: Sat.1)Ich will auch eine Produktion aus unserem Haus anführen: Bei der letzten Staffel von „Promi Big Brother“ hatten wir Katy Bähm im Team, eine Drag Queen, ein junger Mann, der große Freude daran hat, sich zu inszenieren.

Es war selbstverständlich, dass Katy in das Haus eingezogen und am nächsten Tag als Burak aufgetreten ist – wie ich fand, ganz beeindruckend. So ermöglichte das Format den Zuschauer:innen, in das  Leben hinter der Kunstfigur zu blicken. So entstehen andere Bilder.

 

Wie wichtig sind Kooperationen, um Ihre Ziele zu erreichen?

Es ist ganz entscheidend, dass wir nach außen gehen. Um nur einige Bespiele zu nennen: Wir arbeiten mit der Kölner Aidshilfe zusammen. Wir entsenden Referent:innen zur UHLALA Group. Felicia Mutterer, Journalistin und Gründerin des lesbischen STRAIGHT Magazine, hat bei einer Veranstaltung bei uns im Haus über Rollenbilder im Unterhaltungsfernsehen und Diversität als Erfolgsfaktor für Unternehmen gesprochen.

Wir sehen uns in guter Gesellschaft: Auch die Kolleg:innen der UFA haben mit Be Queer ein sehr starkes Netzwerk aufgebaut. Wir könnten als Produzenten ein Stück weit mehr den Schulterschluss wagen. Aber wer sagt denn, dass das nicht passieren wird? 

 

Welche Botschaft wollen Sie den Zaudernden mitgeben?

Wir sind als Produktionsbranche liberal und offen identifiziert. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite sind wir noch nicht so weit, sagen zu können: „Lasst uns zurücklehnen, da passiert genug.“  Ich will nicht missionieren, aber ich finde es wichtig, was wir tun. Wir freuen uns über jeden, der mitmacht.

Was ich anderen gern mit auf den Weg geben möchte: Wir sind ein kreatives Unternehmen und unsere Rohstoffe, das was uns antreibt für herausragende Leistungen, sind unsere Mitarbeiter:innen.

Der beste Nährboden für Kreativität entsteht, wenn wir eine Kultur schaffen, in der sich Ideen frei entfalten können. 
Fabian Tobias, Endemol Shine Germany

 

Wo sollte es hingehen in der deutschen Branche?

Wenn wir es schaffen, hinter der Kamera eine Führungskultur zu etablieren, die aus dem Diversitäts-Gedanken heraus entspringt und ohne Dogma von oben herab auskommt, dann entwickelt sich die Branche aus meiner Sicht in die richtige Richtung.

Der Prozess läuft, wir sind noch nicht am Ziel. In dieser neu definierten Kultur des Miteinander-Arbeitens und -Kommunizierens werden viele kreativ herausragende und qualitativ hochwertige Programme entstehen, in denen sich Diversität ganz natürlich wiederfindet.


Zur Person:

Fabian Tobias ist seit Juli 2020 Geschäftsführer von Endemol Shine  Germany. Der leidenschaftlicher Fernsehmacher begann seine Karriere vor exakt 20 Jahren bei Endemol, danach führten ihn diverse Stationen als Producer, Executive Producer und Produzent zu itv, i&u und Brainpool.
Als Geschäftsführer von Endemol Shine  Germany ist er in diesem Jahr als einer der Top Out Executives ausgezeichnet worden, als Manager, der sich für Diversität einsetzt. Themen, die Fabian Tobias neben dem klassischen Produzentenstoff am Herzen liegen, sind nachhaltiges grünes Produzieren und sein Engagement in der LGTBQ-Community.
Der Diplom-Medienökonom produzierte im Zuge seiner Karriere Sendungen wie "Wer wird Millionär?" (RTL), "Ich bin ein Star - holt mich hier raus" (RTL), "Hot oder Schrott" (VOX), "Kaum zu Glauben" (NDR), "Deutschlands Superhirn" (ZDF), "Masterchef" (Sky), "Der Deutsche Comedypreis" (Sat.1), "Comedians der Welt" (Netflix) oder "Zeig mir Deine Welt" (ARD).

 


­­­­­­­­­­­­­­Die MEDIENTAGE MÜNCHEN finden dieses Jahr vom 25. bis 29. Oktober statt. Sie stehen unter dem Motto New Perspectives. Dabei blicken wir auf die Zeit nach der Corona Pandemie und zeigen neue Perspektiven und Geschäftsmodelle auf. Thematisiert wird auch, was (Soziale) Medien, Politik und Gesellschaft heute für die Demokratie tun müssen oder wie Diversity und Female Empowerment fest in der Branche verankert werden können.

 

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Du interessierst dich für Themen rund um die Medienbranche? Dann findest du hier im Blog der Medientage München noch mehr Lesenswertes.
Zudem kannst du Medienthemen auch hören: 
im Podcast der Medientage München.

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