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Was im Journalismus jetzt zu tun ist

12. November 2020

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Mit Covid-19 ist das Bedürfnis der Menschen nach Informationen und Einordnung stark gestiegen. Die Reichweiten digitaler Angebote gehen durch die Decke, die Akzeptanz von Bezahlmedien steigt, der enorme Vertrauensverlust aus der Vor-Corona-Zeit wird ein Stück weit ausgeglichen. Doch krisenbedingt schwächeln Werbeeinnahmen und bringen Publisher in Not. Hinzu kommt: Die weltweite Gesundheitskrise verstärkt bestehende politische und gesellschaftliche Konflikte, soziale Medien verbreiten Desinformation – keine einfachen Rahmenbedingungen für den Qualitätsjournalismus. Was jetzt zu tun ist, das hinterfragten diverse Sessions im Rahmen der digitalen MEDIENTAGE MÜNCHEN.

Einerseits läuft es gerade gut für den Journalismus. Die Corona-Pandemie hat klassischen Qualitätsmedien einen enormen Aufschwung beschert. Nicht nur was seine Akzeptanz und Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung betrifft; fast alle Medien verzeichnen Zuwächse in ihren Auflagenzahlen, Einschaltquoten oder Abrufzahlen. Die Menschen sind zunehmend bereit für Inhalte zu zahlen.

Andererseits bröckeln die klassischen Wege der Finanzierung über Werbung und Vertrieb – und Medienmarken stehen vor einer „journalistischen Bewährungsprobe“: Angesichts der zunehmenden Fragmentierung der Öffentlichkeit beginne sich auch die Idee einer öffentlichen Meinung aufzulösen, argumentierte Wolfgang Blau, Visiting Fellow am Reuters Institute for the Study of Journalism, in seiner Keynote zu den MEDIENTAGEN MÜNCHEN 2020. Er nannte als Beispiel das polarisierte politische Meinungsklima in den USA oder in Großbritannien. Deshalb müsse sich Journalismus um einen „gesellschaftlichen Mindest-Zusammenhalt“ bemühen, der eine Spaltung der Mediensphäre verhindern könne.t

 

 
Ein Beispiel für kritischen Journalismus

Was Medien als „vierte Gewalt“ in einem demokratischen Staat zu bewegen vermögen, zeigte im Rahmen der digitalen #MTM20 Wirecard-Enthüller Dan McCrum auf. Der Journalist der Wirtschaftszeitung Financial Times enthüllte den „Betrugsfall Wirecard“ des inzwischen insolventen Zahlungsdienstleistungsunternehmens mit Sitz in Aschheim bei München.

McCrum, dessen Wirecard-Recherchen für eine Artikel-Serie der FT bereits 2015 begonnen hatten, äußerte sich in einem Gespräch mit dem Journalisten Richard Gutjahr im Rahmen der MEDIENTAGE zu seiner Vorgehensweise, um von Wirecard „erfundenen Gewinne“ und „geschönten Bilanzen“ zu enthüllen. Am Anfang seiner Recherchen über die Wirecard AG im Jahre 2015 hätte er nicht gedacht, dass er den „größten Betrugsskandal der Nachkriegsgeschichte“ aufdecken würde, so McCrum.

Das teils zurückeroberte Vertrauen in Medien gilt es nun zu erhalten. Ebenso müssten Nutzer*innen weiter mit Qualitätsjournalismus und mit neuen Formaten auch für junge Leute an sich gebunden werden, so der Tenor der Teilnehmer*innen des Journalism Summit während der #MTM20. Zum Auftakt der Veranstaltung warnte Professor Dr. Jay Rosen von der New York University in seiner Keynote eindringlich vor amerikanischen Verhältnissen. Zunächst zeichnete er nach, wie Donald Trump Journalisten zu Hassobjekten degradierte sowie die moderne Wissenschaft in Zweifel ziehe. Rosens trauriges Fazit: Trump mag die Wahl verlieren, aber die Propaganda hat gewonnen.

Deutschen Journalist*innen gab der US-Wissenschaftler einige Tipps mit auf den Weg. So brauche seiner Meinung nach jedes Nachrichtensystem eine Art "Notfall"-Schalter, um auf Fake News reagieren zu können. Außerdem dürfe die Presse nie als die „wahre“ Opposition verstanden werden. Er plädierte an die deutschen Kollegen das „historische Geschenk des deutschen Mediensystems mit seinem öffentlich-rechtlichen Rundfunk“ wertzuschätzen.

 

Wie hat sich Journalismus durch Corona verändert?

Der Wissenschaftsjournalismus erlebt durch die Pandemie eine Renaissance: „Plötzlich werden wir auf das Faktische zurückgeworfen, weil die Nutzer verzweifelt auf der Suche nach valider Information sind“, erklärte Jochen Wegner, Chefredakteur Zeit Online, der im Zuge dessen auch sein Wissensressort ausgebaut hat. Das bestätigte auch Judith Wittwer, Chefredakteurin der Süddeutschen Zeitung: „Durch die Corona-Krise setzen wir verstärkt auf Fakten. Doch unsere Aufgabe ist es auch, kritische Fragen zu stellen und andere Meinungen zuzulassen“, mahnte sie.

Dr. Alexandra Borchardt, die als Professorin des Studiengangs Medien.Kultur.Journalismus an der Universität der Künste in Berlin unterrichtet sowie an der Universität Oxford als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig ist, warnte: „Jetzt besteht die Gefahr, dass man sich auf dem Zuspruch des Publikums ausruht. Denn die Nutzer werden bereits wieder überdrüssig und wenden sich ab.“

Dem stimmte WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn zu und unterstrich, dass man jetzt in der zweiten Welle den Menschen Orientierung und Unterstützung bei ihren Entscheidungen geben müsse. Rückblickend übte er aber auch Kritik an der journalistischen Arbeit in Deutschland: Durch den Zuspruch unseres Publikums, das ja auch zu einem großen Teil mit der Arbeit der Bundesregierung zufrieden war, waren wir nicht kritisch genug: „Wir hätten die einzelnen Maßnahmen stärker hinterfragen müssen. Das haben die Gerichte nachgeholt.“

 

Wie monetarisieren Printmedien nun den positiven Schwung?

Da sich die Einnahmen aus Werbung und Vertrieb in der Regel rückläufig entwickeln, kommt das digitale „Content-for-free-Modell“ immer häufiger auf den Prüfstand. Dr. Christian-Mathias Wellbrock, Professor für Medien- und Technologiemanagement an der Universität zu Köln, plädierte im Rahmen der MEDIENTAGE MÜNCHEN deshalb für eine anbieterübergreifende Abonnement-Plattform, um die Zahlungsbereitschaft für digitalen Journalismus zu fördern.

Die Plattform-Ökonomie von Netflix oder Spotify könnte hierfür die Blaupause liefern. „Der Vorteil wäre, dass in der digitalen Welt die beliebige Erweiterung von Content-Bündeln keine zusätzlichen Kosten verursacht wie etwa bei Printprodukten“, argumentierte Wellbrock. Gleichzeitig könne die Zahlungsbereitschaft durch immer mehr und neue Inhalte befeuert werden.

 

Wie könnte die Umsetzung einer solchen Plattform aussehen?

Wellbrock sieht hier zum Beispiel Drittanbieter wie den schwedischen Online-Kiosk Readly am Zuge, der bereits in mehreren Ländern agiert, bislang aber noch keine großen Reichweiten aufbauen konnte. Als Konkurrenz dazu sieht der Medienwissenschaftler große Technologiegiganten wie Google oder Apple bereits in den Startlöchern. „Am attraktivsten finde ich das Szenario eines gesamtgesellschaftlichen Angebotes einer öffentlich-rechtlichen Plattform. Diese könnte sich am Prinzip des Presse-Grosso orientieren und über einen regulativen Rahmen auch kleineren Anbietern einen besseren Zugang zum Markt ermöglichen“, erklärte der Medienwissenschaftler.

Jan-Sebastian Blender, der den Bereich Content bei Readly für den deutschsprachigen Raum, Italien und die Niederlande leitet, berichtete allerdings von den hartnäckigen Vorbehalten der Verlage gegen sein Modell. „Die meisten befürchten Kannibalisierungseffekte, dabei sind diese gering, da wir andere, digitalere Zielgruppen ansprechen als der Verlag über seine eigenen Online-Angebote erreicht“, sagte Blender. Dabei könnten die Verlage über zusätzliche Umsätze und detaillierte Daten profitieren, die Readly zum Nutzerverhalten liefere.

An eine gemeinsame Lösung der Verlage glaubt Katarzyna Mol-Wolf, geschäftsführende Gesellschafterin des Verlags Inspiring Network und Editorial Director der Zeitschrift Emotion, nicht. Dafür sei der Kampf untereinander zu groß, weshalb sie bereits die großen Technologieunternehmen als mögliche Profiteure betrachte.

Christian-Mathias Wellbrock kann die Konkurrenzängste gerade bei regionalen Blättern oder Special-Interest-Titeln nicht nachvollziehen, „da hier kaum Verdrängungswettbewerb stattfindet“. Vielmehr böte eine verlagsübergreifende Plattform auch die Chance, junge Zielgruppen anzusprechen, die dem Print-Sektor zunehmend verloren gingen.

 

Passend zu diesem Blog-Thema können Sie die MEDIENTAGE MÜNCHEN im neuen Podcast nachhören. Mit Journalism befassen sich die Folgen 3, 4 und 8.
Die Video-Aufzeichnungen vieler Sessions sind noch bis Ende November on Demand über den folgenden Link verfügbar: https://medientage-digital.de.
Außerdem stehen Zusammenfassungen wichtiger Panel-Diskussionen sowie Bildmaterial auf der Medientage-Homepage in der Mediathek und auf https://medientage.de/pressemitteilungen/


Sie interessieren sich für Themen rund um die Medienbranche? Dann finden Sie hier im Blog der Medientage München noch mehr Lesenswertes.

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