Es gibt Veranstaltungen, bei denen man das Gefühl hat, alle reden um den heißen Brei herum. Das MTM SPECIAL AI & MEDIA ist das Gegenteil davon: Bei der zweitägigen Konferenz haben Menschen aus Medien, Produktion, Recht und Ausbildung Tacheles geredet – über das, was KI kann, was sie nicht kann, und was passiert, wenn wir nicht aufpassen.
Gregor Schmalzried, freier Journalist und ARD-Stimme, hat diese These: „Die KI lügt nicht – sie hat kein Verständnis von Unrecht." Verdeutlichen will er damit, dass Fehler schon noch bei uns liegen. Schmalzried zeigt, wie KI-generierte Bilder scheitern: das GNTM-Plakat mit Heidi Klum und vier Fingern, der Coca-Cola-Weihnachtsspot mit seltsam leblosen Protagonist:innen, Figuren ohne Ursache und Wirkung. Das Problem ist ihm zufolge weniger die Technik als vielmehr unser Umgang damit. Schmalzried: "Wir lassen die KI zu oft allein."
„Wir befinden uns in einer Lage, in der Dinge nah an der Realität sind – und genau dann merken wir, dass etwas nicht stimmt", betont er. Das "Uncanny Valley", jene beunruhigende Zone zwischen echt und künstlich, war lange das natürliche Korrektiv. Doch der ARD-Podcaster warnt bei #AIME26: Mit der neuen Bild-KI von ChatGPT könnte sich das ändern. „Damit sind wir durch mit dem Uncanny Valley."
So viel zum Bild in der KI-Welt. Was aber fehlt KI-generierten Texten? Das Fleisch in der Dramaturgie, findet Schmalzried. Gutes Storytelling basiert auf Erwartung, Anspannung und Pointe, vergleichbar mit einem guten Witz. „KI versucht, damit zu spielen. Aber sie hat kein Fleisch, um das dramaturgische Gefäß zu füllen", erklärt Gregor Schmalzried. Seine Antwort auf die Frage, was zwischen KI und Desaster steht? „Eine alte: wir."
Marketing, Mittelstand und das Internet der Agenten
Christian Stummeyer von Stummeyer Consulting stimmt in den allgemeinen Tenor der neuen Konferenz in der HFF ein, dass es an den Unternehmen liegt, jetzt mit KI ihre Zukunft in die Hand zu nehmen.
Er richtet den Blick aufs Marketing, sieht in den LLMs der jüngsten Generation "eine Explosion der Möglichkeiten. Kundendialog, Textzusammenfassungen, konsistente Werbekreativität mit KI-Tools wie Flux Dev – das alles ist heute machbar", so der Berater. Agentische Workflows, also automatisierte Prozesse, bei denen KI-Systeme selbstständig Aufgaben übernehmen, lassen sich mit Tools wie n8n inzwischen ohne Programmierkenntnisse zusammenklicken.
Stummeyers Warnung richtet sich an eine bestimmte Gruppe: „Ich mache mir keine Sorgen um die großen Unternehmen dieser Welt. Ich mache mir Sorgen um den deutschen Mittelstand, wo vor allem kleine Unternehmen Gefahr laufen, das Potenzial von KI zu verschlafen." Sein Bild für die Zukunft: „Das Dreamteam ist der Mitarbeitende, der zusammen mit der KI Mehrwert schafft."

Christian Stummeyer mit vielen AI Agents auf der #AIME26-Bühne (Foto: Medien.Bayern GmbH/MEDIENTAGE MÜNCHEN).
Mindset, Bias und die Verantwortung beim Prompten
Dann wird es bei #AIME 26 grundsätzlicher. Drei sehr unterschiedliche Stimmen beleuchten, wie KI die Arbeitskultur verändert und wen sie dabei zurücklässt. Shamila Lengsfeld, Filmregisseurin und AI Creator, beschreibt, wie Künstliche Intelligenz ihr kreatives Arbeiten fundamental umgekrempelt hat: „Mit KI hat sich alles verändert, was ich mache. Ich kann vorprompten und visualisieren, wie ich mir Szenen vorstelle." Für sie ist es kein Entweder/Oder: „Es ist nicht AI oder Film – es ist beides, ein hybrider Ansatz."
Lengsfeld schärft das Bewusstsein für eine Gefahr, die leicht übersehen wird: „Es ist wichtig, gegen fest verankerte Rollenbilder zu prompten. Wenn wir gängige Stereotypen bei der Menge an KI-Inhalten wiederholen, werden sie sich verstärken. Wir tragen Verantwortung."
Prof. Taç Romey von der HFF München beschreibt seinen Umgang mit KI als kreativen Ping-Pong: mehrere Modelle gegeneinander ausspielen, Ideen gegenchecken, Szenen neu durchdenken. „Wenn ich beim Drehbuchschreiben eine Szene prüfe, kann ich sie 35 Mal neu schreiben – oder sie prompten." Es geht ihm um Auswahl, nicht um Abgabe von Kontrolle: „Wenn man die Zügel in der Hand behält, kann man durchaus gut mit KI umgehen." Und er stellt eine grundsätzliche Frage: Was passiert mit den Trainingsdaten? „Wenn wichtige Gedanken von Künstler:innen nicht mehr Teil des Trainings sind, bekommen jene noch mehr Macht, die die KI bewusst bedienen."
Autorin und DE&I-Expertin Mirijam Trunk nimmt eine andere Perspektive ein: die der Ungleichheit. „Frauen haben etwa 25 Prozent weniger Zugang zu KI." Aus vielen Gründen, darunter auch Care-Arbeit. Die "Gaps" seien signifikant. Ihre Forderung an Medienhäuser: KI nicht als zusätzliche Last, sondern als neuen Layer sehen. Und der neue Skill der Zukunft für die Mitarbeitenden? „Die Adaptionsfähigkeit, die auf unserem bisherigen Können aufbaut", meint Trunk.
Stimmen, Doubles und rote Linien
Zum Abschluss von #AIME26 wird es persönlich un d emotional. Es geht um synthetische Stimmen, digitale Doppelgänger und das, was auf dem Spiel steht, wenn Kreative die Kontrolle über ihr Abbild verlieren.
Die Schlussrunde bei #AIME26: Stephan Sikder spricht mit Anna-Sophia Lumpe, Tomomi Themann, Veronica Ferres, Rainer Matsutani und Prof. Dr. Sylvia Rothe (Foto: Medien.Bayern GmbH/MEDIENTAGE MÜNCHEN)
Veronica Ferres, Schauspielerin und Produzentin, spricht offen: „KI ist eine unglaubliche Bedrohung und eine unglaubliche Chance." Sie nutzt beispielsweise Claude als Sparringpartner, lässt ChatGPT Drehbücher zusammenfassen, setzt KI in der Postproduktion ein. Aber beim Drehbuchschreiben zieht sie eine klare Linie: "Nein!" Ferres spricht sich fürs Menschliche aus, wenn sie sagt: „Das von KI kreierte Duplikat kann niemals echte Emotionen wiedergeben." Ihr Appell: „Wenn wir nicht aufpassen, das zu steuern und zu lenken, dann werden wir unser blaues Wunder erleben."
Anna-Sophia Lumpe vom Verband Deutscher Sprecher:innen hat eine klare Botschaft in die HFF München mitgebracht. Synchronsprecher:innen haben zu Jahresbeginn neuen Netflix-Verträgen nicht zugestimmt, die Trainingsfreigaben für ihre Stimmen enthielten. Ihre Begründung: „Diese Stimmführung, die wir uns in vielen Jahrzehnten durch unser Leben antrainieren, will ein kommerzielles Unternehmen haben – auch noch unvergütet. Das ist ein hohes Risiko." Lumpe stellt klar: „Unsere Stimme ist ein privates Momentum." Ihr Fazit ist präzise: „Nicht die KI muss reguliert werden, sondern die Konzerne dahinter."
Regisseur Rainer Matsutani von Red Sun Films sieht in KI die Chance, das Genre Kurzfilm zu etablieren – aber bleibt beim hybriden Ansatz. Full KI? Nicht seines. „Wenn ich weiß, dass es Full KI ist, dann fehlt mir der emotionale Anker." Prof. Dr. Sylvia Rothe von der HFF München berichtet von ihrem pädagogischen Dilemma: „Es gibt so viele KI-Tools, die man kaum mehr alle kennen kann." Und sie sorgt sich um das, was durch KI-Automatisierung wegfallen könnte: die Einstiegsjobs, in denen Kreative erst einmal lernen können, wie die Branche funktioniert.
Den Abschluss macht Jungschauspielerin Tomomi Themann. Sie sagt über die KI-geprägte Zukunft von Film, TV und Streaming: „Die Frage ist nicht mehr, ob es sich verändern wird, sondern wie." Vermeidung sei der falsche Weg. „Es geht nicht darum, dass ChatGPT meine Ideen übernimmt. Es geht darum, dass meine Ideen von ChatGPT strukturiert werden." Und an ihre Generation gerichtet: „Ich wünsche mir einen offenen Diskurs darüber, welche Chancen KI ermöglicht."
Eine Erkenntnis drängt sich nach zwei Tagen MTM SPECIAL AI & MEDIA in den Vordergrund: KI ist nicht aufzuhalten. Aber sie ist zu gestalten.
Übrigens: Ein aktueller Report von XPLR: Media in Bavaria, Schwesterinitiative des #AIME26-Veranstalters MEDIENTAGE MÜNCHEN in der Medien.Bayern GmbH, befasst sich umfassend mit der Frage, inwiefern sich die Film- und Fernsehlandschaft mit KI verändert.
Hier geht es zum Download.
Auch wenn die MTM als Konferenz bis zum 21. Oktober 2026 pausieren: Wir bleiben präsent! Die Zusammenfassungen wichtiger Panel-Diskussionen sowie Bildmaterial der 39. MEDIENTAGE MÜNCHEN stehen im Info-Bereich der MEDIENTAGE-Homepage und auch im MTM-Blog bereit. Bilder für den Download (Quelle: Medien.Bayern GmbH/MEDIENTAGE MÜNCHEN) sind in der Mediathek zu finden.

Zudem können zahlreiche MTM-Themengehört werden: im Podcast "This is Media NOW".



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