Stell dir vor, du sitzt in einem Raum mit den Entscheider:innen der deutschen Medienbranche – Senderchefs, Produzent:innen, Jurist:innen, Politik:inner. Und alle reden über dasselbe Thema: Künstliche Intelligenz. KI nicht als Zukunftsvision, sondern als gelebte Realität, die die gesamte Wertschöpfungskette von Film und TV gerade neu schreibt. Genau das ist der Vormittag des zweiten Tages beim MTM SPECIAL AI & MEDIA gewesen.
Elke Walthelm aus dem Management vvon Sky Deutschland bringt es auf den Punkt: „KI ist komplett angekommen. Wir nutzen Co-Pilots über die ganze Belegschaft hinweg." Das ist keine Testphase mehr, sondern längst Alltag. Sky setzt ihr zufolge auch eigene KI-Anwendungen ein – zum Beispiel einen Programmplanungsassistenten.
Das Besondere an ihrer Strategie? Sky verfügt nicht über eine spezielle KI-Abteilung. Stattdessen kommt die Veränderung, getragen vom bestehenden Führungspersonal, von unten: „Das muss aus dem Team und aus dem Business kommen", sagt Walthelm bei #AIME26 Über 7500 Schulungen hat Sky dafür bereits durchgeführt.
Bei der RTL-Familie, die gerade dabei ist, Sky Deutschland zu übernehmen, sieht es ähnlich aus. Jan Peter Lacher beschreibt in der HFF, wie die RTL Group KI über die gesamte Wertschöpfungskette einsetzt – von der Drehbuchentwicklung über die Postproduktion bis hin zum Jugendschutz, wo ein eigenes KI-Tool Gewalt- und Nacktheitsinhalte prüft. Dazu kommen Chatbots der Hauptcharaktere aus Dauerserien, die den Drehbuchautor:innen neue Impulse geben. Das klingt verspielt, hat aber eine echte Funktion: Zuschauerbindung und neue Interaktionsformen. Lacher fasste zusammen: „Innovation war über die letzten drei Jahrzehnte immer da. Der große Unterschied bei KI ist – es betrifft die gesamte Wertschöpfungskette und ist enorm rasant", betont Lacher.
Bayern will KI-Standort werden: Der Minister gibt Gas
Dr. Florian Herrmann, Medienminister und Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, kommt frisch aus den Haushaltsberatungen für 2027 zu #AIME26. Und strahlt trotzdem. Seine Botschaft ist klar: Bayern macht mit. Er lehnt seine Haltung an Karl Valentin an: „Ich freue mich über die Veränderungen, die mit KI kommen. Denn die Veränderungen kommen sowieso."
Bayerns Strategie setzt auf das, was man dort als Ökosystem versteht: Hochschulen, Firmen wie Microsoft, OpenAI, Amazon, aber auch ProSiebenSat.1 und Burda, über 28.000 steuerpflichtige Firmen aus dem Medienumfeld. Herrmann betont dabei zwei Leitplanken: der Schutz des geistigen Eigentums und die Auffindbarkeit von Qualitätsmedien. Denn was nützt guter Journalismus, wenn ihn niemand findet?
Foto: Medien.Bayern GmbH/MEDIENTAGE MÜNCHEN
BR-Intendantin stellt die unbequeme Frage
Dr. Katja Wildermuth vom Bayerischen Rundfunk bringt eine weitere Perspektive im Umgang der Medienhäuser mit KI mit – eine, die nachdenklicher stimmt. Der BR testet KI-Anwendungen in journalistischen und nicht-journalistischen Bereichen, etwa für vollständige Barrierefreiheit.
Doch die BR-Intendantin mahnt auch: „Noch mehr Inhalte mit KI brauchen wir nicht unbedingt. Die Frage lautet: Mit welchen Inhalten machen wir den Unterschied?"
Sie macht klar, dass "billiges KI-Zeug" niemanden rettet – weder die Branche noch die Demokratie. Ihre eigentliche Kernfrage: „Was macht das mit uns, wenn in Zukunft durch KI jeder seine persönliche Geschichte, seinen eigenen Inhalt bekommt?" Eine Frage, auf die noch niemand eine wirklich befriedigende Antwort hat.
Und sie spricht beim MTM SPECIAL an, was viele denken, aber selten laut sagen: Wenn Inhalte einfach von US-Anbietern gescraped werden, ohne Vergütung – dann werden gute Inhalte irgendwann verschwinden. „Das kann nicht in unserem Interesse und auch nicht im Interesse der Bürgerinnen und Bürger oder der Demokratie sein."
Urheberrecht und Persönlichkeitsrechte: Das rechtliche Dickicht
Dann wird es juristisch. Rechtsanwältin Dr. Ursula Feindor-Schmidt gibt einen Überblick über die aktuelle Rechtslage. Rund 100 Klagen in den USA beschäftigen sich gerade mit KI und Urheberrecht. Vieles dreht sich dabei um so genannte Schattenbibliotheken – riesige Textsammlungen, aus denen KI-Modelle trainiert wurden, ohne dass die Urheber gefragt oder bezahlt wurden.
Ein kleiner Trend zeichnet sich ihr zufolge ab: Die Branche bewegt sich langsam weg vom wilden Scraping hin zur Lizenzierung. Tech-Medien-Partnerschaften wie OpenAI und Disney zeigen ihr zufolge, dass es auch anders geht. Feindor-Schmidt rät Medienhäusern dringend dazu, interne Prozesse aufzusetzen – denn der Einsatz so genannter Schatten-KI, also nicht genehmigter Tools im Arbeitsalltag, sei ein echtes Risiko.
Dr. Gerd Hansen von Fieldfisher ergänzt die Rechtslage rund um Persönlichkeitsrechte. Ein wichtiger Punkt: Ab dem 2. August tritt Artikel 50 Absatz 4 der KI-Verordnung in Kraft – Deepfakes müssen gekennzeichnet werden. Bei fiktionalen Produktionen reicht voraussichtlich ein Hinweis im Vorspann. Wer digitale Repliken von Schauspieler:innen einsetzt, "muss das beherrschen – und vergüten", wie Hansen betont. Der Jurist verweist auf den KI-Vertrag der Produktionsallianz mit der Schauspiel-Gewerkschaft und Verdi aus dem Jahr 2025 als Orientierung.
Laura Janßen von BAIOSPHERE, KI-Agentur des Freistaats, fasst die Stimmung des Vormittags so zusammen: „Das größte Risiko an KI ist, sich nicht damit zu beschäftigen." Denn eines ist in der HFF deutlich zu spüren gewesen: Wer jetzt nicht handelt, schaut morgen zu, wie andere die Spielregeln festlegen. Für Film und TV heißt das: Die Fragen sind nicht mehr ob – sondern wie, zu welchen Bedingungen und mit welchem Menschenbild im Rücken..
Auch wenn die MTM als Konferenz bis zum 21. Oktober 2026 pausieren: Wir bleiben präsent! Die Zusammenfassungen wichtiger Panel-Diskussionen sowie Bildmaterial der 39. MEDIENTAGE MÜNCHEN stehen im Info-Bereich der MEDIENTAGE-Homepage und auch im MTM-Blog bereit. Bilder für den Download (Quelle: Medien.Bayern GmbH/MEDIENTAGE MÜNCHEN) sind in der Mediathek zu finden.

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