Kein pädagogischer Zeigefinger, keine ästhetischen Kompromisse: Die Generationen Z und Alpha konsumieren Bewegtbild-Inhalte anders als jede Generation zuvor. Nicht, weil sie weniger aufmerksam wären – sondern weil sie in einer komplexen, digitalen Realität aufgewachsen ist.
Junge Menschen haben das Fernsehen längst nicht abgeschrieben; das belegen diverse Untersuchungen. Laut ARD/ZDF-Medienstudie 2025 ist die Nutzung bei den 14- bis 29-Jährigen allerdings individueller sowie von der On-Demand-Mentalität bestimmt.
Nicht nur das: Wer heute jung ist, stellt auch andere Ansprüche an Medienformate. Jüngere Zielgruppen reagieren vor allem auf eine altersgerechte Sprache und ein schnelleres Tempo, wie die Studie "Gen Z und Gen Alpha Decoded“ der Medien.Bayern-Initiative XPLR: Media in Bavaria belegt.
Wie Produktionsfirmen mit dieser Entwicklung umgehen sollten, erklärt Corinna Mehner (Foto oben; CR: Petra Fritzi Hennemann). Sie ist Filmproduzentin und leitet als Professorin den Studiengang Produktion & Medienwirtschaft an der HFF München, wo sie seit 2024 auch Vizepräsidentin ist. "Die Inhalte können die gleichen sein, doch die Erzählweise verändert sich“, sagt Mehner.
Junge Menschen ziehen nahezu alle Informationen aus dem Netz. Sie seien daher an schnelle, sprunghafte Narrative gewöhnt und würden sich ganz selbstverständlich in parallelen Informationsströmen bewegen, so Mehner. Ihr Tipp: "Sie leben in einer sehr komplexen Realität – und diese muss auch komplex erzählt werden. Die Erzählung darf dabei springen, denn sie sind diesen Beat gewöhnt."
Mehr Hooks, mehr Tempo
Gleichzeitig räumt die Film-Expertin mit einem verbreiteten Missverständnis auf: Dass es nur noch um möglichst schnelle Aufmerksamkeitsmomente geht. Diese Zielgruppe habe durch intensiven Social-Media-Konsum ein "komplexes Gehirn“ ausgebildet, sagt sie – fähig, Reize schneller zu verarbeiten und Inhalte parallel zu entschlüsseln. Damit sie nicht abdriften, brauche es nicht zwingend schnellere Hooks, sondern in erster Linie mehr davon. "Wir müssen temporeicher erzählen, schneller reagieren“, lautet Corinna Mehners Fazit.
Das Klischee vom Acht-Sekunden-Aufmerksamkeitsfenster der Generation Smartphone hält sie für überholt. "Sie sind genauso schnell gehookt wie andere Altersgruppen – Voraussetzung ist allerdings, dass die Augenhöhe stimmt.“ Für junge Zuschauende sei es wesentlich, sich in den Helden wiederfinden zu können. Dabei seien alltägliche Bezüge entscheidender als dramaturgische Tricks.
Was wirkt – und was abschreckt
Wenn es um die Ästhetik geht, ist die Gen Z wählerisch. Humor funktioniert gut, aber nur, wenn er auf Augenhöhe erzählt wird. Ebenso wichtig: ein Grafikstil, der ihrem visuellen Empfinden entspricht. "Unsere Altersgruppe hat andere Farbrezeptoren im Kopf als sie“, sagt die Expertin über das junge Publikum. Auch die Musikauswahl müsse den Vorlieben entsprechen.
Ein Beispiel für gelungene Ansprache sei der Kinofilm "Minecraft". "Man konnte sehr schön beobachten, wie gut diese Generation abgeholt wurde“, sagt die Hochschulprofessorin. Als weiteres Beispiel für den großen Erfolg bei der jungen Zielgruppe, kann auch die Prime-Video-Serie "Maxton Hall“ herangezogen werden, die im November in die Verlängerung gegangen ist. Mit einer Streaming-Nettoreichweite von 1,5 Millionen landete die zweite Staffel der deutschen Serie auf Platz 1 der gemischten AGF-Bewegtbild-Charts.
Welche Themen die Gen Z bewegen
Das sind nur zwei von vielen Leuchtturm-Projekten für die jüngere Zielgruppe. Welche Genres funktionieren darüber hinaus besonders gut? Corinna Mehner: "Das sind Komödien, die aus ihrer Lebenswirklichkeit erzählen, SciFi, das ihnen Zukunftsoptionen öffnet, und natürlich Action." Auch gesellschaftspolitische Themen wie Klima, Gerechtigkeit oder mentale Gesundheit funktionieren.
Dabei braucht es allerdings Feingefühl. Es gehe darum, Perspektiven sowie die Möglichkeiten der Selbstgestaltung zu zeigen, "statt Überwältigung durch Problemdruck“, so die Produzentin. Viele etablierte Produktionsfirmen würden laut Mehner scheitern, weil sie junge Menschen unterschätzen. Mehner: "Der größte Fehler ist, von oben herab zu erzählen."
Verena Fücker bei den #MTM25 (Foto: Medien.Bayern GmbH / MEDIENTAGE MÜNCHEN)
Eine ergänzende Erkenntnis liefert die Studie von XPLR. "Junge Menschen sind nicht desinteressiert an komplexen Inhalten, sondern benötigen eine Aufbereitung, die Relevanz für die eigene Lebenswelt schafft. Statt einer abstrakten Analyse der Wirtschaftslage wird beispielsweise erklärt, was der Koalitionsvertrag konkret für das BAföG, die Ausbildung oder den Wohnungsmarkt bedeutet", sagt Verena Fücker, Co-Teamlead der News-WG by BR24 und eine der Expert:innen, die für die Studie befragt wurde.
Ohne Community geht es nicht mehr
Entscheidend ist heute auch die Verzahnung von Content-Produktion und Community-Arbeit. Shorts, Teaser und Snippets haben große Wirkung – nicht als Werbematerial, sondern als Einstieg in eine Beziehung zwischen Produkt und Publikum. "Wir haben bei unseren Woodwalker-Filmen während der Produktion viele Clips mitproduziert“, erzählt Mehner. Dafür holte das Team zwei Content Creators an Bord, selbst im Alter der Zielgruppe. Sie riefen zu Community-Treffen auf und begleiteten die Produktion eng.
Und das ist offenbar eines der Geheimnisse, um beim jungen Publikum zu punkten: "Junge Menschen wollen sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen“, sagt die erfahrene Produzentin, die vier Enkel in der Generation Alpha hat.
In medias res: Das Erste
Bewusst jung setzt die ARD 2026 die monatliche Debütfilm-Reihe fort. An jedem ersten Sonntag des Monats läuft im Ersten und in der ARD Mediathek ein Film von Nachwuchsregisseuren, der gezielt ein jüngeres Publikum ansprechen soll.
Die Geschichten behandeln, was junge Menschen bewegt, vom Neo-Noir-Thriller bis hin zu atmosphärischen Dramen. Beispiele: "Milchzähne" im Juni. Ein Mystery-Film, der mit Ängsten gegenüber allem Fremden spielt. Oder "Die Akademie" im November. Eine Kunststudentin sucht ihre künstlerische Stimme im Haifischbecken der Kunstakademie.
Die filmische Umsetzung ist der ARD zufolge bewusst modern und vielfältig. Junge Filmschaffende erzählen in ihrer ganz eigenen Handschrift, authentisch und ohne etablierte Konventionen. Besonders relevant für ein jüngeres Publikum: die starke digitale Präsenz. Alle Filme sind in der ARD Mediathek verfügbar. Ergänzt durch eine eigene Editorial Page mit Behind-the-Scenes-Material, Interviews und Kurzfilmen. Formate, die Social-Media-affine Zuschauende eben ansprechen.
Das neue MTM SPECIAL AI & MEDIA zu Künstlicher Intelligenz in der Bewegtbild-Branche findet am 21. und 22. April 2026 in der HFF München statt. In Keynotes, Panels und Masterclasses geht es um aktuelle Anwendungen, rechtliche Fragen und neue Perspektiven für den Einsatz von KI in der Medien- und Filmproduktion. Tickets? Gibt es hier.

Interessiert an Themen rund um die Medienbranche? Dann ist hier im Blog der MEDIENTAGE MÜNCHEN noch mehr Lesenswertes zu finden. Zudem können zahlreiche Medienthemen auch gehört werden: im Podcast "This is Media NOW".




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