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Markus Schäfer: „Wir brauchen qualifizierten Nachwuchs“

7. Juni 2021

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Die Pandemie habe das Nachwuchsproblem der Branche noch sichtbarer gemacht, sagt Dr. Markus Schäfer, Chef der Produktionsgruppe All3Media. Für das Medientage Online Special „Connect! The Future of TV“ wagt er am 24. Juni außerdem einen Blick in die Zukunft der Unterhaltung. Im Interview mit dem Blog der Medientage spricht der CEO über die Vor- und Nachteile der neuen Vielfalt, die Folgen von Corona in der Produktionswirtschaft und die Ansprüche der Digitalisierung.

Herr Dr. Schäfer, die Produktionsstopps aufgrund der Pandemie haben die Produzenten hart getroffen. Heute können Sie uns wieder eine lückenlose Versorgung mit Unterhaltung versprechen?

Ja. Als die Pandemie im März 2020 deutlich an Dynamik gewonnen hat, mussten vor allem im zweiten Quartal viele Produktionen abgebrochen, unterbrochen oder verschoben werden. Non-fiktionale Produktionen waren davon weniger betroffen, weil sich Schutzkonzepte hier einfacher und schneller umsetzen ließen.

Fiktionale Produktionen waren stärker betroffen, wurden aber gegen Sommer 2020 mit Schutzkonzepten nach und nach wieder aufgenommen, auch weil finanzielle Schutzkonzepte auf die Beine gestellt worden sind, denn die Unterbrechungskosten sind am Anfang zum sehr großen Teil zu Lasten der Produzent:innen gegangen. Schließlich wurden mit staatlicher Hilfe Lösungen gefunden, um die Branche vor solchen Schäden zu schützen. Der Prozess dorthin gestaltete sich ein bisschen zäh – der so genannte Ausfallfonds II für Fernsehauftragsproduktionen hat sich fast bis Dezember hingezogen.

 

Woran hapert es noch?

Im Moment wird diskutiert, wie lange die finanziellen Hilfen noch laufen und ob sie bis nach 2022 fortgeführt werden. Die Schutzkonzepte für die Mitarbeiter:innen sind sehr eingespielt und werden laufend weiterentwickelt, sodass wir vergleichsweise reibungslos weiter produzieren können. Wir haben Mehraufwände, die Produktionen sind teurer geworden, aber wir können die Versorgung gewährleisten.

Im fiktionalen Bereich wurde der Stau, der sich durch die Verschiebungen und Abbrüche ergeben hat, ziemlich gut wieder aufgefangen. Das führt allerdings dazu, dass es Engpässe beim Fachpersonal gibt. Ein Produktionsteam für eine fiktionale Produktion auf die Beine zu stellen, ist noch schwieriger, als es vor der Pandemie war. Denn die Nachfrage hat sich auch dadurch erhöht, dass nachgeholte und geplante Produktionen jetzt parallel laufen.

 

Was für Lehren ziehen Sie aus diesem harten Pandemiejahr, das sich teilweise als Katalysator für die Entwicklung des Fernsehens erwiesen hat?

Es gab einen sehr starken Zusammenhalt in der Branche der produzierenden Unternehmen. Alle standen in einem sehr offenen Austausch und haben sich gegenseitig bei der Entwicklung von Schutzkonzepten geholfen, um schnellstmöglich gemeinschaftlich den Produktionsbetrieb aufrechtzuerhalten. Es gab auch eine große Solidarität von Senderseite, zunächst mit einer unbürokratischen Zusage einer Beteiligung an Mehrkosten, später dann beim Ausfallfonds II, der von den Sendern zu einem Drittel mitfinanziert wird. All das war eine gute Erfahrung, die die Branche näher zusammengebracht hat.

Gleichzeitig haben wir gesehen, dass die nicht-linearen Angebote gestärkt wurden, seien es internationale Marken wie Netflix, Amazon, Disney+, aber auch lokale wie TV NOW, Joyn oder die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen. Entsprechend ist der Programmbedarf dort wachsend, denn alle diese Anbieter wollen ihre Zuschauer:innen halten. Dafür brauchen sie, auch zukünftig, sehr attraktiven Content.

Außerdem aber ist die Nachwuchsproblematik noch sichtbarer geworden. Das war latent schon vor der Pandemie so, es ist jetzt aber noch deutlicher geworden, dass wir als Branche vor der großen Aufgabe stehen, junge Menschen für die Bewegtbildproduktion zu motivieren. Wir als Branche müssen vermitteln: Das ist zukunftsträchtig, das ist spannend. Es gibt einige Ausbildungsberufe und mehr und mehr Studiengänge, aber immer noch nicht genug. Die Pandemie hat gezeigt, dass wir viel mehr für unseren Nachwuchs tun müssen.

 

Was sollte das konkret sein?

Das könnten Qualifizierungen in einzelnen Gewerken sein, nehmen wir beispielsweise den Schnitt und die Cutter:innen. Hier müssen wir mehr Ausbildungs- und Qualifizierungsangebote schaffen, um Engpässe zu lösen, auch kurzfristige. Es geht aber auch um andere Bereiche wie Filmgeschäftsführung, die Buchhaltung rund um ein Filmprojekt, Aufnahme- und Produktionsleitung: Das alles sind ja keine Studien- oder klassischen Ausbildungsberufe. Außerdem brauchen wir PR-Maßnahmen, um die Branche attraktiver zu machen.

Und es stellen sich grundsätzliche Ausbildungsfragen, vor allem im non-fiktionalen Bereich. An der Internationalen Filmschule Köln (IFS) gibt es jetzt einen Masterstudiengang für Entertainment Producing. Von solchen Angeboten gibt es meiner Meinung nach nicht genug. Ich glaube, dass die Nachfrage auch im non-fiktionalen Bereich weiter steigen wird, insbesondere nach Formaten und Ideen, die nicht aus dem internationalen Markt kommen und adaptiert werden.

Um die dafür notwendigen Innovationsprozesse und auch Umsetzungsprozesse professionell meistern zu können, braucht es noch mehr qualifizierte Ausbildung, auch im universitären Bereich.

Kreativität lebt von Diversität.

Dr. Markus Schäfer, All3Media 

 

Sie haben es schon angesprochen: Die Zahl Ihrer potenziellen Abnehmer ist heute viel höher als zu nicht-digitalen Fernsehzeiten. Welche Inhaltsformate werden bei Ihnen nun stärker nachgefragt?

Eine dauerhafte, generell erhöhte Nachfrage nach einem bestimmten Genre gibt es nicht, die Breite der Nachfrage ist gewachsen. Nach wie vor nehmen fiktionale Serien eine Sonderstellung ein, weil sie vor allem für die abofinanzierten Modelle sehr wichtig und gut geeignet sind, um neue Abonnent:innen zu gewinnen und auch zu halten.

Auf der non-fiktionalen Seite wird es wohl immer den Bedarf für große lagerfeuerartige Shows wie „Let’s Dance“ oder „The Masked Singer“ geben: Live-Shows sind die große Kraft des linearen Fernsehens.

Zukünftig noch mehr gefragt sein wird es, Inhalte und Absender zu verknüpfen. Wir Produzent:innen müssen uns überlegen, mit welcher Idee gehe ich zu welchem Kunden? Welcher Kunde steht für welchen Inhalt und welche Erzählform? Darauf muss ich schon in der Entwicklung hinarbeiten. Das ist wichtiger denn je, dafür noch mehr Gespür zu entwickeln.

 

Eine weitere Folge der neuen Marktvielfalt sind die großen Produktionshäuser, die einfach eigene Plattformen aufmachen, etwa Disney+, Paramount+ oder Peacock. Sehen Sie das mit Sorge oder ist das für die Branche eine positive Erweiterung? 

Sowohl als auch. Natürlich ist vertikale Integration eine Bedrohung für den, der nicht Bestandteil davon ist. Anbieter wie Disney, HBO oder Peacock mit Eigenproduktionen und einem riesigen Katalog greifen natürlich auf den eigenen Content zurück. Aber Kreativität lebt von Diversität. Niemand kann es sich erlauben, nur auf die eigenen Ressourcen zurückzugreifen. Es wird immer einen Markt für unabhängige Produktionsunternehmen geben. Egal, welche Form von Kreativwirtschaft Sie anschauen, Verlagswesen, Musik, Bewegtbild: Eine komplette vertikale Integration funktioniert nicht.

Aber: Die Marktmacht durch solche Unternehmen ist mit Vorsicht zu beobachten, denn eine zu große Marktmacht kann dazu führen, dass die Auftragsbedingungen sehr unattraktiv werden, was dann zu einem Absterben der unabhängigen Kreativen führen könnte.

Mich treibt schon eine gewisse Sorge um, dass die großen Player Auftragsbedingungen vorgeben könnten, die ein auskömmliches Wirtschaften für unabhängige Anbieter schwierig machen.

Hier gilt es zu kämpfen. Die Kreativwirtschaften im internationalen Vergleich, die sich am besten positioniert haben, sind die, bei denen den Produzent:innen auch Rechte eingeräumt werden. In England zum Beispiel oder den Niederlanden wird der Produzent am Produkterfolg beteiligt. Bei uns hat der Produzent oft nichts vom Erfolg, etwa von hohen Einschaltquoten. Eine Beteiligung in Form von Rechten oder anderen Mechanismen würde ermöglichen, dass sich Produzenten wirtschaftlich besser aufstellen können, Eigenkapital aufbauen und innovationsfähiger werden, weil sie mehr in Entwicklung und neue Konzepte investieren können. Wenn sie aber Auftragsbedingungen antizipieren müssen, die genau das Gegenteil vorsehen, noch weniger Vergütung und noch weniger Erfolgsbeteiligung, dann ist das ein Drohszenario.

 

Ihr deutlicher Appell an die Branche, dass sich hier etwas verändern muss?

Hundertprozentig. Das ist eine Diskussion, die zwischen Produzentenlandschaft und Sendern seit vielen Jahren geführt wird, und mit den öffentlich-rechtlichen Sendern gibt es zum Beispiel bereits Modelle, wie die Rechteteilung gestaltet werden könnte. Mit den privaten Sendern haben wir Pilotmodelle, aber es gibt noch eine Menge zu tun. Mit den internationalen Anbietern stehen die Produzenten gerade am Anfang.

 

Ihre Veranstaltung bei „Connect“ heißt „Content & Storytelling: Was wollen wir morgen sehen?“. Verraten Sie es uns schon vorab: Was wollen wir denn morgen sehen? 

Da würde ich ja ganz wertvolle Geschäftsgeheimnisse ausplaudern. (lacht) Ich glaube, was wir morgen sehen wollen, kann niemand seriös beantworten. Das Angebot an Content wird immer breiter werden und die Herausforderung ist es, die Zuschauer:innen diesen Content finden zu lassen.

 

Na gut, formulieren wir es anders: Wo wollen wir denn morgen schauen? Streaming boomt, ja, aber das lineare Fernsehen stirbt allen Unkenrufen zum Trotz offenbar auch noch nicht gleich …

Ich glaube nicht an den Schwanengesang auf das lineare Fernsehen. Wenn man in die Vergangenheit schaut, hat keine neue Medienform eine alte komplett verdrängt, es ist immer was hinzugekommen. Die Marktposition für lineare Angebote wird es weiterhin geben, wenn sie auch vielleicht nicht wachsen wird, schon weil das Zeitbudget leicht rückläufig sein wird, und non-lineare Angebote kommen ergänzend hinzu.

Wir haben das schon in der ersten Streaming-Welle gesehen mit Netflix und Amazon. Jetzt sind wir mitten in der zweiten Welle: Die amerikanischen, studiobasierten Streaming-Plattformen wie Disney+ oder HBO Max/Discovery+ werden ihren Rollout weiter vorantreiben. Dabei wird Deutschland eine große Rolle spielen.

Und dann darf man das ganze Thema YouTube nicht unterschätzen, wo mehr und mehr Content von Digital Natives konsumiert wird. Allgemeiner gesprochen: Während wir bei den abofinanzierten Diensten von Netflix bis HBO von der SVoD-Welle sprechen, hat die AVoD-Welle, das werbefinanzierte Streaming, ganz großes Potenzial, das noch nicht ausgeschöpft ist. YouTube ist hier im Moment der Platzhirsch.

Es wird eine Koexistenz der verschiedenen Anbieterformen geben, und es wird eine große Herausforderung für die Zuschauer:innen sein, sich dann in diesem noch größere werdenden Urwald von Content-Angeboten zurechtzufinden. Das ist eine riesige Chance für Guides durch diesen Urwald, mithilfe von künstlicher Intelligenz die Zuschauer:innen dabei zu unterstützen, den Content zu finden, den sie sehen wollen.

 

Zur Person:

Dr. Markus Schäfer verantwortet seit 2015 das Geschäft des Produktionsunternehmens All3Media in Deutschland und den Niederlanden und ist CEO der All3Media Deutschland Gruppe. Die Firmen der All3Media produzieren Shows, Filme und Serien von „Das große Backen“ über „Terra X“ bis „Tatort“.
Schon seit 2004 hatte der promovierte Physiker Schäfer leitende Positionen im Unternehmen und dessen Vorgängerfirmen inne, unter anderem als CFO und COO im Vorstand der MME MOVIEMENT AG. Darüber hinaus ist Markus Schäfer stellvertretender Vorsitzender der Produzentenallianz und Vorsitzender der Sektion Entertainment.

 


Smart TV, Streaming, Addressable TV: Bei dem Online-Special Connect! The Future of TV am 24. Juni 2021 widmen sich die MEDIENTAGE dem Thema Connected TV und dem vernetzten Fernsehen.
Dr. Markus Schäfer, CEO von All3Media, wird dort einen Ausblick auf „Content & Storytelling: Was wollen wir morgen sehen?“ geben.

 

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Mit einem ausführlichen Programm in Zusammenarbeit mit unseren Partnern MEKmedia und der Deutschen TV-Plattform wird das MEDIENTAGE Special Connect! The Future of TV Ende Oktober Teil der MEDIENTAGE MÜNCHEN sein. Dort wird dann auch zum zweiten Mal der Connect! The Smart TV Award verliehen.


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